DAS LITERATURHAUS HAMBURG – EINE JUNG GEBLIEBENE INSTITUTION

Wein Spezial – von und mit Jens Priewe

Neulich erhielt ich eine Mail von einer adeligen Dame aus Bonn. Sie wollte wissen, warum die Winzer im- mer so viel Alkohol in den Wein schütten. Ihr schmeckten Weine mit wenig Alkohol besser als Weine mit viel Alkohol. War gar nicht einfach, ihr klar zu machen, dass der Alkohol bei der Gärung entsteht und nicht hinzugefügt wird. Ein pensionierter Tischlermeister aus einem mir unbekannten Dorf in Hessen konfrontierte mich brieflich mit der Frage, wie häufig er im Jahr seine im Keller liegenden Flaschen drehen müsse, damit der Wein darin optimal altert. Ich antworte: Gar nicht. Lassen Sie die Flaschen in Ruhe. Ein Diplom-Ingenieur aus dem thüringischen Auerbach verriet mir einen Trick, wie man Rotweine, die im kühlen Keller lagern, vor dem Servieren schnell auf Trinktemperatur bringt: einfach eine Stunde auf den Heizkörper stellen. Ich gratulierte ihm für die geniale Idee: Für Glühwein perfekt, für einen Spätburgunder der sichere Tod. Die Antwort fand der Mann gar nicht lustig. Herzlich gelacht, aber ob der Ernsthaftigkeit der Anfrage gewundert habe ich über die Mail eines jungen Mannes aus Oer-Erkenschwick, der irgendwo gelesen hatte, wie man Rotweine schnell altern kann: indem man die Flasche in einen Rucksack packt und eine Stunde lang mit ihr auf dem Rücken durch den Wald joggt. Ich erwiderte: Könnte bei Harry Potter gestanden haben. Aber bitte den Zauberstab im Rucksack nicht vergessen!

Sie merken, liebe Leser, die Welt des Weins ist voller Wunder und Mythen, auch wenn diese sich schnell als haarsträubende Desinformation erweisen. Dass Wunderglaube und Mythen auch unter den gebildeten Zeitgenossen weit verbreitet sind, erstaunt mich immer wieder. Denn Wein war in seiner über 7000-jährigen Geschichte nie so gut erforscht wie heute. Und alles, was wir über seinen Geschmack, seine Zusammensetzung, den Umgang mit ihm und über seine Erzeugung wissen, ist frei verfügbar. Wer seine sieben Sinne beieinander hat und lesen kann, kann sich ohne Probleme schlau machen, etwa in dem vor wenigen Wochen erschienenen Buch „Wein – die große Schule“, in dem alles Wichtige, was einer wissen muss, der gerne Wein trinkt und mehr verstehen möchte, zusammengetragen wurde: von der richtigen Lagerung über die Trinktemperatur bis zu den Besonderheiten der verschiedenen Rebsorten. Da ich selbst der Autor bin, garantiere ich, dass Sie nach der Lektüre nicht mehr auf die Märchen reinfallen, die Ihnen über Wein aufgetischt werden: das Märchen, dass der Schwefel für den Kopfschmerz verantwortlich ist. Dass die edelsten Weine immer aus Frankreich kommen. Dass alter Wein besser schmeckt als junger. Eines muss ich allerdings zugeben: Leicht gemacht wird es dem Weinliebhaber, der kein Experte ist, nicht immer. Zu viel Irrationales gibt es in der Welt des Weins. Das beginnt mit den astronomischen Preisen für gewisse Kultweine, setzt sich in den absurden Etikettenvorschriften fort, die es beispielsweise erlauben, dass ein „Riesling“ aus bis 25 Prozent Müller-Thurgau besteht, und endet mit der blumigen Fachsprache, mit der Wein gern beschrieben wird.

Wein - die große Schule „Riecht wie der Schweiß eines Rennpferdes vor dem Start“, hat ein durchaus renommierter deutscher Weinkritiker den Duft eines gereiften Châteauneuf-du-Pape charakterisiert. Wer sonntags nicht auf die Rennbahn geht, wird mit der Beschreibung wenig anfangen können. Noch bizarrer drücken sich englische Experten aus. Im Geschmack eines Sauvignon blanc entdecken sie regelmäßig „Katzen- pipi“. Meinen sie zwar positiv, ist aber trotzdem nicht sehr trinkanimierend. So kommt es, dass Wein von Laien oft wie ein fremdes Wesen betrachtet wird, dem man sich nur mit äußerster Vorsicht nähern sollte. Ich sehe das, pardon, ein klein wenig anders. Wein ist zwar voller Geheimnisse und manchmal auch unberechenbar. Aber meine Devise heißt: Korken raus und genießen. Diesbezüglich fühle ich mich dem verstorbenen Baron Elie de Rothschild nahe, der einst auf die Frage eines Journalisten, wie man seine edlen Tropfen denn am besten trinke, geantwortet hat: „Ganz einfach: schlabber, schlabber, weg damit.“

Jens Priewe, Wein – die große Schule, ZS Verlag, Hardcover, 312 Seiten, ISBN 978-3-89883-716-3, Euro 29,80 (D), Euro 30,70 (A)

Tipps & Tricks für Weintrinker

Die richtige Rotweintemperatur Die meisten Konsumenten trinken Rotwein zu warm. Er sollte nicht mit Zimmertemperatur (21–22°C) serviert werden, sondern deutlich kühler, am besten mit 16°C. Im Glas erwärmt er sich schnell und kann dann mit 18°C getrunken werden. Das ist die ideale Rotweintemperatur. Der Wein behält seine Frische und schmeckt nicht alkoholisch. Wurde er zu warm gelagert, stellt man ihn eine halbe Stunde vorher in den Kühlschrank (nicht Eisfach!). Ist er hingegen kellerkalt, reicht es, die Flasche fünf Minuten in einen Topf mit lauwarmem Wasser zu geben.

Von: Jens Priewe
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