Keller

Jakob Augstein ...

... erzählt in seinem literarischen Debüt von einem Mann, dessen Träume ihn in die Irre führen: Franz Xaver Misslinger war der Shootingstar der deutschen Politik, Teil einer Welt der Macht und der Männer; jetzt will er an die Spitze - und alles gerät ins Wanken.

Lieber Herr Augstein, Sie haben bereits einige Bücher veröffentlicht, vor allem Sachbücher zu Politik und Gesellschaft. Jetzt ist Ihr litera-risches Debüt erschienen. Was hat Sie am literarischen Erzählen gereizt?
Es sind zwei verschiedene Berufe, die nicht viel miteinander zu tun haben. Ich habe lange Zeit den einen gemacht und möchte jetzt den anderen machen. Wenn es überhaupt eine Verbindung gibt, dann vielleicht diese, dass ich mir inzwischen vorstellen kann im literarischen Schreiben meinem Erstaunen über die Wirklichkeit besser Ausdruck verleihen zu können als im journalistischen.

Ihr Protagonist Misslinger ist ein egozentrischer, liberaler Politiker vor dem Zenit seines Erfolges. Der Roman spielt schwerpunktmäßig kurz vor den US-Wahlen 2016, bei denen Trump zum Präsidenten gewählt wurde - wieso haben Sie diesen Zeitraum gewählt?
Das Buch hatte für mich mehrere Arbeitstitel. Einer davon lautete „Der Untergang des amerikanischen Imperiums". Dieser Untergang ist aus meiner Sicht im Jahr 2016 besiegelt worden. Dabei sind Kalenderdaten natürlich immer ein bisschen arbiträr. Aber das, was wir unter dem „Westen" verstehen, mit seiner besonderen Form von kapitalistischer Selbstherrlichkeit und männlicher Überheblichkeit, ich glaube, das hat damals ein Ende gefunden.

Viele Zitate sind ja aus realen Reden übernommen, einige bekannte Personen aus Politik und Gesellschaft treten (unter anderen Namen) auf … wieviel realer Politbetrieb steckt in Ihrem Roman?
Ich würde nicht sagen, dass es sich hier um ein politisches Buch handelt. Misslinger könnte genauso gut auch in einem Autohaus arbeiten oder in einer Versicherung. Er arbeitet aber in der Politik, das hat bestimmte Konsequenzen für ihn und für die Handlung. Aber das ist kein Schlüsselroman. Es gibt hier nichts zu suchen und niemanden zu entdecken. Letztlich wäre das auch ganz gleichgültig: ich habe die politische Realität, insoweit ich sie mitbekommen habe, immer als reine Fiktion erlebt.

Immer wieder spielt die Natur im Roman eine auffällige Nebenrolle - in Ihrem Gartenbuch ging es ja eher darum, die Natur zu zähmen, „Strömung“ feiert in bildhafter Sprache die Schönheit der wilden Natur, besonders in den letzten Kapiteln, in denen eine mystische Komponente hinzukommt - welche Rolle spielt Natur(erleben) für Sie?
In der Natur gibt es eine Ordnung, die es im menschlichen Leben nicht gibt. Wir machen keinen Unterschied zwischen der schaffenden Natur und der erschaffenen. Aber dadurch geht es uns etwas verloren. Ich finde, dass „Strömung" eigentlich ein religiöses Buch ist. Die Anschauung der Natur übernimmt die Rolle, die die Religion nicht mehr spielen kann.

Sie gehören zu den meistgelesenen und einflussreichsten Journalisten der Gegenwart - was auffällt: Journalisten kommen in „Strömung“ nicht vor… ein Schriftsteller schon. Zufall oder Absicht?
Ihre falsche Prämisse in allen Ehren – es ist ohnehin heikel, wenn jemand, der mal Journalist war, plötzlich ins fiktive Fach wechselt. Wenn man dann noch über Journalisten schreibt, wird es langweilig.

Misslinger liest Bücher nur in 15 Minuten-Zusammenfassungen in einer App - wieviel Zeit nehmen Sie sich zum Lesen? Und welches Buch hat Sie zuletzt begeistert?
Ich lese ununterbrochen, den ganzen Tag lang, alles, was ich in die Finger bekomme. Die beiden letzten begeisternden Bücher waren das Memoir von Edgar Selge und “Der ungeheure Raum”, die Weltkrieg I Erinnerungen von E.E. Cummings.

Können Sie sich ein Leben ohne Schreiben vorstellen?
Die sozial erwünschte Antwort lautet wohl “nein”, die Wahrheit ist: aufs Schreiben könnte ich verzichten, aufs Lesen eher nicht.

Und als letzte Frage: Ihr Roman begleitet die Vorbereitung der großen Rede eines gefeierten Redners… eine Rede über die Freiheit - was wäre Ihr erster Satz einer großen Rede zu diesem Thema?
Misslinger kann sich unter Freiheit etwas vorstellen. Ich nicht so richtig. Es handelt sich um einen Begriff, dem soviele Bedeutungen gegeben werden können, den jeder so verstehen kann wie er mag, dass ich ganz froh bin, darüber keine Rede halten zu müssen. Es könnte sein, dass es so etwas wie Freiheit nicht gibt.

Vielen Dank für das Gespräch!



Strömung

Strömung
Jakob Augsteinz
Aufbau Verlag
Hardcover, 301 Seiten
ISBN 978-3-351-03949-3
Euro 22,-