Kastel

Nichts für schwache Nerven

Ein Gespräch mit Thriller-Shootingstar, Viktor Crime Award-Preisträgerin und Buchhändlerin Michaela Kastel

Spannungsgeladen und vielschichtig sind die psychologischen Thriller der jungen Wiener Autorin Michaela Kastel. „Eine neue Klangfarbe in der Spannungs- und Genreliteratur ... eine junge, mutige Stimme mit einem eindringlichen Wiedererkennungseffekt, der wir noch viel zutrauen“, befand auch die Jury unter dem Vorsitz von Krimistar und Preisstifter Sebastian Fitzek und zeichnete Michaela Kastel für „So dunkel der Wald“ mit dem Viktor Crime Award aus. Der Ausnahmethriller führt den Leser tief in die oberösterreichischen Wälder – in eine klaustrophobische Welt aus Gewalt und Angst. In ihrem neuen Roman „Worüber wir schweigen“ erzählt die Autorin düster und anrührend zugleich von Freundschaft und Hass, Vertrauen und Verrat und balanciert dabei zwischen Psychothriller, Coming-of-Age-Drama und Liebesgeschichte – idealer Lesestoff für dunkle Winterabende.

Sebastian Fitzek empfiehlt Ihren neuen Roman auf dem Umschlag als hochspannend und poetisch. Was hat Sie zu dieser Geschichte um die dunklen Geheimnisse einer Clique inspiriert? Was ist der Ausgangspunkt für Ihr Schreiben?
Meist sind es bloß einzelne Szenen oder ein gewisser Schauplatz, um den herum ich meine Story baue. Bei „So dunkel der Wald“ war es ein düsterer, nasskalter Wald, in „Worüber wir schweigen“ ein alter Nonnenfriedhof in der Nähe meiner ehemaligen Schule in Niederösterreich. Und auch die verhängnisvollen Bahngleise spukten mir von Anfang an im Kopf herum. Ich überlege dann, wie ich diese einzelnen Komponenten miteinander verknüpfen kann, und zack – plötzlich ist die Geschichte da.

Puzzleteil für Puzzleteil setzt sich in „Worüber wir schweigen“ eine zweite, bedrohliche Ebene zusammen. Wie behalten Sie den Überblick?
Ich schreibe streng chronologisch, das ist bei einem komplizierteren Aufbau sehr hilfreich. Der Schreibprozess an sich gestaltet sich bei mir eher intuitiv. Während einer Schreibphase beschäftige ich mich gedanklich jedoch sehr intensiv mit der Geschichte, im Prinzip rund um die Uhr, manchmal schreibe ich sogar im Traum weiter. Das hilft, den Überblick zu behalten, weil man den Fokus ja tatsächlich nie verliert.

„So dunkel der Wald“ erlebt der Leser ja vor allem aus der Ich-Per-spektive von Ronja. Ihren neuen Roman erzählen Sie abwechselnd aus verschiedenen Ich-Perspektiven und auf mehreren Zeitebenen. Entwickelt sich da beim Schreiben eine Lieblingsfigur?
Das ist schwierig zu beantworten, schließlich steckt in jeder Figur ein Stück von mir selbst, das ist unvermeidbar. Mit Ronja teile ich wohl die emotionale Hingabe und den unerschütterlichen Glauben an die Liebe, mit Nina teile ich in gewissen Momenten den Frust und den Hass auf die ganze Welt. Es kommt auf den Tag, auf die Uhrzeit, die Sekunde an. Ich erkenne mich auch in Mel wieder, die einerseits blind vertraut und andererseits unerklärliche Angst vor der großen weiten Welt hat. Ich mag sie alle, aber meine absolute Lieblingsfigur ist Jannik aus „So dunkel der Wald“. Seine Vielschichtigkeit und emotionale Tiefe bieten enormes Konfliktpotenzial, und was gibt es Schöneres für eine Schriftstellerin, als dieses Potenzial voll auszuschöpfen?

Psychologie spielt eine große Rolle in Ihren Romanen. Aus Opfern werden Täter. Schwarz und Weiß, Gut und Böse verschwimmen. Mitgefühl, Verständnis und Abscheu wechseln sich beim Lesen ab. Wo liegt Ihr Fokus bei der Entwicklung der Figuren?
Der liegt definitiv bei der psychologischen Dynamik zwischen den einzelnen Charakteren. Eine gute Geschichte besteht für mich aus mehr als dem berühmten roten Faden, der sich vom Anfang bis zum Ende zieht. Es sind die Figuren, die eine Story lebendig machen, ihre Intensionen, ihre Gegensätzlichkeit, ihre Stärken und ganz besonders ihre Schwächen. Ich liebe es, Konflikte zu erzeugen und emotionale Tiefen auszuloten – beziehungsweise ergibt sich das eine oftmals aus dem anderen.

Gibt es denn für die Schauplätze Ihrer Romane einen realen Bezug? Sind Ihre Geschichten regional verwurzelt? „So dunkel der Wald“ ist ja z.B. die Widmung „Für das Haus mit der Nummer 50“ vorangestellt?
Stimmt, ich habe „So dunkel der Wald“ dem Haus meiner Großeltern in Oberösterreich gewidmet, das auch als Vorlage für das Setting gedient hat. Ich habe dort viele Sommer verbracht, es war wunderschön, und gerade weil ich diesen Ort so gut kenne, so viele Erlebnisse damit verbinde, war es ein Leichtes, diese ganz bestimmte Stimmung zu erzeugen, die „So dunkel der Wald“ auszeichnet. Es heißt ja, man soll über Dinge schreiben, die einem vertraut sind, weil man nur so die nötige Authentizität erzeugen kann, und dem stimme ich vollends zu. Auch „Worüber wir schweigen“ spielt an realen, mir sehr vertrauten Schauplätzen, auch wenn keiner davon namentlich erwähnt wird.

Der Wald ist in „So dunkel der Wald“ ein dunkler, beklemmender Ort voller Gewalt – können Sie einen Waldspaziergang denn noch ohne bedrohliches „Kopfkino“ genießen?
Natürlich, ich liebe Waldspaziergänge. Seit ich „So dunkel der Wald“ geschrieben habe, sehne ich mich sogar noch stärker nach dem Haus meiner Großeltern und der düsteren Abgeschiedenheit dort zurück. Die Szenerie in „So dunkel der Wald“ hat etwas Schauriges, Märchenhaftes an sich, aber das muss trotz aller Düsternis nicht zwangsläufig etwas Negatives sein, zumindest für mich.

Sie arbeiten hauptberuflich als Buchhändlerin – ist das Beruf oder Berufung? Und was macht Ihnen daran am meisten Freude?
Schreiben ist meine Berufung, Buchhändlerin mein Beruf. Aber ich liebe natürlich beides. Den Geruch von Papier in der Luft, das Schmökern zwischen druckfrischen Seiten, Gedankenaustausch mit begeisterten Literaturliebhabern – ich denke, ich habe es ganz gut getroffen, denn all diese Dinge treffen auf beides, Autorin und Buchhändlerin, zu.

Wie kamen Sie denn ursprünglich zum Schreiben? Ein Kindheitstraum?
Auch wenn das jetzt klischeehaft klingt, aber ja, es war tatsächlich ein Kindheitstraum. Schon im Kindergartenalter habe ich Zeichnungen mit Schnur zusammengebunden und daraus ein kleines Heft gebastelt. Meiner Mutter habe ich dann den dazugehörigen Text diktiert. Später griff ich selbst zum Stift und bastelte ein Buch nach dem anderen. Es ging mir hauptsächlich um das Gefühl, ein Buch in den Händen zu halten, das ich selbst geschrieben hatte. Mit sechzehn fasste ich schließlich den Entschluss, mich ernsthaft mit dem Thema Schreiben auseinanderzusetzen, und begann mein erstes „richtiges“ Buch, ein dreiteiliges Fantasy-Epos, das unheimlich schlecht war. Aber es war ein Anfang.

Arbeiten Sie schon an einem weiteren Thriller? Wenn ja, in welche Richtung wird er gehen?
In der Tat, der nächste Thriller ist bereits in Vorbereitung, ich stecke gerade mitten im Lektorat. Verraten darf ich natürlich noch nichts. Aber wem „Worüber wir schweigen“ zu ruhig erscheint, dem kann ich versprechen: Es wird stürmisch im Herbst 2020.

Vielen Dank für das Gespräch!



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Michaela Kastel
Worüber wir schweigen
Emons Verlag
Hardcover, 320 Seiten
ISBN 978-3-7408-0643-9
Euro 20,– (D), Euro 20,60 (A)
auch als E-Book

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Michaela Kastel
So dunkel der Wald
Emons Verlag
Hardcover, 304 Seiten
ISBN 978-3-7408-0293-6
Euro 18,– (D), Euro 18,50 (A)
auch als E-Book

Fotos: Maria Bleyer Fotografie
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