Los Angeles

LOS ANGELES
Das Weiße Haus des Exils

Goethe in Hollywood

Große Aufregung in Pacific Palisades! Im ehemaligen Zitronenhain oberhalb von Santa Monica am Nordende von Los Angeles eröffnete im Juni 2018 der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das einstige Haus Thomas Manns und der Seinen am San Remo Drive als neues Zentrum für den transatlantischen Dialog (1). Noch als Außenminister hat Steinmeier das Haus vor dem drohenden Verkauf an Investoren, die es sicher abgerissen hätten, gerettet, und vom Auswärtigen Amt für rund 13 Millionen Dollar erwerben lassen. Die Kosten von fünf Millionen Dollar für die Renovierung und den Umbau zu einer Begegnungsstätte übernahmen das Auswärtige Amt und vor allem die Berthold Leibinger Stiftung. Das im Bauhaus-Stil von dem Berliner Architekten Julius Ralph Davidson 1942 errichtete langgestreckte Haus hatte Thomas Mann zehn Jahre lang bewohnt. Hier schrieb er seine mehr als 50 Reden an „Deutsche Hörer!“ im Kampf gegen den Nationalsozialismus, hier beendete er 1943 mit „Joseph der Ernährer“ den vierten seiner „Joseph“-Romane, und hier, in dem wie eine Kapitänskabine gebauten Arbeitszimmer, entstand der Roman „Doktor Faustus“ (1947) über dasjenige Deutschland, das sich dem Teufel verschrieben und den Nobelpreisträger mit seiner Familie ins Exil vertrieben hatte. Unter dem hellsten Himmelsblau entstand das dunkelste Buch der neueren deutschen Literatur. Das neue Thomas Mann House

Seit 1938 in Amerika, für drei Jahre an der Ostküste in Princeton unter steifen Professoren und seit 1941 in Kalifornien unter „Movie-Gesindel“, galt Thomas Mann den einen als Retter des freien Geistes (LIFE), den anderen als „Goethe in Hollywood“ (THE NEW YORKER). Obwohl seit 1944 amerikanischer Staatsbürger, geriet Thomas Mann nach dem Krieg bald ins Visier der antikommunistischen Hetze in Amerika, so dass der Entschluss zur Übersiedelung 1952 in die Schweiz einem zweiten Exil gleich kam. Das Haus wurde an einen amerikanischen Rechtsanwalt verkauft, dessen Familie es bewohnte bis es nun in den Besitz der Bundesrepublik Deutschland überging. Die Renovierungsarbeiten an dem völlig eingewachsenen Haus waren so gründlich, dass bei einem Besuch im März 2018 die relativ schlichte, für diese Erdbebengegend aber typische leichte und offene Holzständerbauweise wie seinerzeit beim Neubau sichtbar wurde und der alte Grundriss zum Vorschein kam, der nun zugunsten der neuen Nutzung stark verändert wurde, ausgenommen das Arbeitszimmer, das damals wie heute in originalen Bücherregalen eine Bibliothek enthält, die dem einst dort vorhandenen Bestand weitgehend nachgebildet wurde. Im Garten stehen immerhin noch drei der einst sieben Palmen. Nun kommen die ersten Fellows, Persönlichkeiten aus Kultur, Politik, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft, die bei einem Aufenthalt zwischen drei und zehn Monaten mit amerikanischen Gesprächspartnern, sogenannten counterparts, zusammentreffen sollen, um den transatlantischen Dialog zu beleben. In der Nachbarschaft schauspielerischer Super-Promis wie Diane Keaton, Goldie Hawn, Matt Damon, Tom Hanks und Steven Spielberg stehen die neuen Bewohner im hell strahlenden „Weißen Haus des Exils“ (Steinmeier) freilich vor ähnlich weltbewegenden Fragen wie seine ersten Bewohner. Thomas Manns Enkel Frido, der damals dort aufgewachsen ist, hat bereits das erste Buch zu dem Thema geschrieben und verbindet darin seine Erinnerungen mit den Grundlinien eines völkerverbindenden Dialogs. Ein Spaziergang, den Großvater und Enkel seinerzeit vom San Remo Drive aus zum Amalfi Drive (2), dem „Alten Haus“, der zweiten Adresse der Manns in Kalifornien, unternommen haben, lässt sich heute noch bequem in einer halben Stunde unternehmen. Thomas Mann ging damals lieber bergab und ließ sich für den Rückweg von seiner Frau oder Tochter Erika mit dem Auto abholen. Man überquert dabei den Sunset Boulevard, und auf dem geht es mit dem Auto in etwa 15 Minuten nach Nordwesten zur Villa Aurora.

Villa Aurora

Die Villa Aurora Der spanische Palast aus dem Jahr 1927 am Paseo Miramar (3) war erst den Manns angeboten worden, die ihn aber wegen seiner schlechten Erreichbarkeit auf schmalen und kurvenreichen Hügelstraßen ablehnten. Dafür griffen 1943 der Münchner Schriftsteller Lion Feuchtwanger und seine Frau Marta zu, kauften das Haus mit 7.000 qm Wohnfläche für 9.000 Dollar und wohnten hier, mit diesem wunderbaren Blick auf den Pazifik, bis an ihr jeweiliges Lebens- ende. Das Haus war einer der Treffpunkte des deutschsprachigen literarischen Exils in Los Angeles und brachte sogar die Antipoden Thomas Mann und Bertolt Brecht zusammen, wenn auch kaum einander näher. Feuchtwanger, der zeitlebens eine große Sympathie für die Sowjet-union hegte, schrieb in dem Haus nicht nur einige seiner erfolgreichsten Romane wie „Waffen für Amerika“ (1948) und „Goya oder der arge Weg der Erkenntnis“ (1957); vielmehr legte der Exilant, der mit Glück dank des mutigen Einschreitens seiner Frau die Internierung in einem südfranzösischen Lager überlisten konnte, nach dem Verlust von Hab und Gut in dem Haus eine Bibliothek an, die am Ende auf rund 30.000 Bände kam. Ein Teil davon bildet den Kernbestand der „Feuchtwanger Memorial Library“ der Universität of Southern California in Los Angeles. Bald nach dem Tod von Marta Feuchtwanger 1987 kaufte ein Berliner Freundeskreis die Villa für knapp zwei Millionen Dollar und richtete hier ab 1995 eine Künstlerresidenz ein, in der seither etwa 300 Stipendiaten in der originalen Möblierung der Feuchtwangers leben und arbeiten konnten. Von der Villa Aurora aus wird nun auch das Thomas Mann House, wie es jetzt heißt, verwaltet; der Verein Villa Aurora & Thomas Mann House e.V. hat seinen Sitz in Berlin, und der erste Programmdirektor kommt vom Goethe Institut Los Angeles.

Beethoven in Brentwood

Knapp 20 Minuten dauert die Autofahrt von der Villa Aurora zur South Kenter Street (4), wo einst der „Geheime Rat“ Theodor Wiesengrund Adorno Thomas Mann in die Geheimnisse der Musik Beethovens ebenso wie der Neuen Musik einweihte. In diesem Haus spielte der Philosoph, Komponist und Musikwissenschaftler Adorno seinem Gast Beethovens letzte Klaviersonate Nr. 32 (op. 111) so impulsiv und kommentierend vor, dass ihn Thomas Mann als stotternden Musiker Wendell Kretzschmar im „Doktor Faustus“ festgehalten und ihm zugleich mit der zu singenden Sequenz „Wiesengrund“ seinen Dank abgestattet hat.

Heinrich Mann

Nicht ganz so weit wie zu Adorno hatte es Thomas Mann zu seinem Bruder Heinrich, dessen letzte, vergleichsweise bescheidene Adresse sich seit 1948 für zwei Jahre an der Montana Avenue befand (5). Der früh europäisch eingestellte Autor mit Vorlieben für Italien und Frankreich, Autor des Romans „Professor Unrat“ (1905), den alle Welt nur noch durch die Verfilmung mit Marlene Dietrich als „Der blaue Engel“ (1930) kennt, war auf abenteuerliche Weise mit seiner zweiten Frau Nelly, mit seinem Neffen Golo Mann und dem Ehepaar Alma Mahler-Werfel und dem Dichter Franz Werfel über die Pyrenäen nach Portugal geflohen und hatte mit den Freunden gerade noch ein Schiff in die Freiheit nehmen können. In Los Angeles war er zuletzt ganz auf die Versorgung durch seinen Bruder angewiesen; doch der Misere, die nach dem Selbstmord seiner Frau vollständig wurde, trotzte er einen der gehaltvollsten Erinnerungsbände der deutschen Literatur ab: „Ein Zeitalter wird besichtigt“ (1946).

„New Weimar“ unter Palmen?

Bert Brechts erstes Wohnhaus in Santa Monica vor dem Abriss, März 2018 Man könnte nun weiter fahren, kreuz und quer, etwa zu dem ersten Haus, das Bert Brecht in Santa Monica an der 25th Street 1941/42 bewohnte (6) und das bei unserem Besuch im März 2018 kurz vor dem Abriss stand, oder weiterfahren zu seinem zweiten Haus an der 26th Street (7), das alte und neue Zeit gelungen kombiniert. Man könnte nach Beverly Hills fahren und sich am Camden Drive (8) an das Ehepaar Liesel und Bruno Frank erinnern, die ein Leben lang in der Nachbarschaft von Thomas Mann gewohnt haben, in München, in Feldafing und in Los Angeles. Im Garten ihrer Villa gaben sie am 3. April 1938 eine Party, an der neben ihrem Freund auch Carl Laemmle, der Erfinder von Hollywood, sowie die Theater- und Filmregisseure Max Reinhardt und Ernst Lubitsch teilnahmen. Am Tag darauf begann Thomas Mann im teuersten Hotel der Stadt, „The Beverly Hills and Bungalows“, diejenigen Tagebuchblätter anzulegen, aus denen später seine einzigartige Studie über „Bruder Hitler“ (1939) hervorging. Es wird daher höchste Zeit, dass bald ein neuer und vor allem aktualisierter literarischer Reiseführer über das kalifornische Exil erscheint – derzeit sind alle Standardwerke zu dem Thema wie „‘New Weimar‘ unter Palmen“ (Aufbau) und „Spaziergänge durch das Hollywood der Emigranten“ (Arche) vergriffen. Man könnte dem Ganzen eine Anekdote voransetzen, die der Philosoph Erich von Kahler seinem Freund Thomas Mann in einem Brief aus Princeton vom 14. April 1951 mitgeteilt hat und die seltsam aktuell geblieben ist: „Zwei Freunde fahren über den Atlantic, der eine von Europa nach Amerika, der andre von Amerika nach Europa. In der Mitte des Ozeans treffen sich die Schiffe, fahren aneinander vorbei. Die Freunde stehen an der Reling, erkennen einander und rufen beide unisono dasselbe hinüber: ‚Bist du wahnsinnig?‘“

Dirk Heißerer
Fotos: © Dirk Heißerer
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