Paris

Paris

Im Zaubergarten der Flaneure

Paris ist nicht nur die Hauptstadt Frankreichs oder des 19. Jahrhunderts. Paris ist mehr denn je die Stadt des Flaneurs, der feineren Form des Spaziergängers, und neuerdings, wie Laure Elkin zeigt, auch der Flâneuse. „Flanieren ist das Leben“, sagt Balzac. Sei es oberirdisch, in den Boulevards, den Straßen und Gassen, oder unterirdisch im unendlichen Labyrinth der Metrogänge, treppauf, treppab, überall gibt es etwas Einzigartiges zu sehen, zu hören, zu erleben. Sei es Balzacs kleines Schreibhaus in Passy oder Victor Hugos Stadtwohnung an der einstigen Place Royale (heute Place des Vosges), Heinrich Heines Grab auf dem Friedhof Montmartre, Marcel Prousts abgeschottete Wohnungen oder James Joyces Buchhandlung – nirgendwo sonst hat sich Stadtleben derart in Weltliteratur verwandelt, nirgendwo setzt sie sich zugleich unmittelbarer wieder fort, in Texten und kleinen Tafeln an zahlreichen Häusern, in prächtigen umgrünten Denkmälern, bei den Bouquinisten auf den Seinekais ebenso wie im Neubau der Bibliothèque Nationale. Paris reicht auch literarisch weit hinaus in die Welt, oder besser, holt sie sich auf Schritt und Tritt herein. Wenn der Flaneur Franz Hessel in Berlin bei strahlendem Sonnenschein einen Regenschirm aufspannte mit der Begründung: „Es regnet in Paris“, dann war das keineswegs nur ein romantischer Spleen, es war ein Zeichen sympathischer, ja geradezu existentieller Verbundenheit und bewährte sich erst recht, als aus dem Besucher Hessel der Emigrant wurde. Wer in Paris ankommt, ganz gleich wo, gerät sehr bald in einen Bann. Walter Benjamin fand sich hier im „Zaubergarten für den Flaneur“ wieder und entwarf auf zahllosen Gängen sein monumentales, unvollendbares Passagen-Werk. Vieles davon ist weiterhin erlebbar, etwa unter der Kuppel des Kaufhauses LaFayette, oder war es bis vor kurzem im Halbdämmer der Kirche von Notre-Dame.

Victor Hugos Roman vom buckligen Glöckner (1831) ist gewissermaßen zum Schutzpatron des Gottes-hauses geworden; das zeigte sich nach dem verheerenden Brand vom April 2019, als der Roman sprunghaft neue Auflagen erlebte. Fast schon wieder in Vergessenheit geraten ist dagegen der Hype um Dan Browns Bestseller „The Da Vinci Code“ (2003, dt. „Sakrileg“), auf dessen Spuren viele junge Leute unterwegs waren, vom Null-Meridian vor Notre-Dame zum Meridian in Saint Sulpice bis zur Glaspyramide vor dem Louvre. Dagegen bleiben die Erinnerungen Ernest Hemingways „A moveable feast“ (Ein Fest für’s Leben) (1964/65) an die Zwanziger Jahre in Paris lebendig wie am ersten Tag.



Shakespeare and Company

Auch die bereits legendäre Buchhandlung „Shakespeare and Company“ schräg gegenüber von Notre-Dame, in der kleinen Rue de la Bûcherie 37, hat seit 1964 ein eher junges Publikum. Das liegt an dem Amerikaner George Whitman (1913–2011), der die Buchhandlung dort neu gründete und von mittags bis mitter-nachts offen hielt. Seine Tochter Sylvia (Jg. 1981) führt den Laden in seinem gastfreundlichen Sinne weiter. Im ersten Stock befindet sich die „only free University of Europe“ mit unverkäuflichen Büchern, die über eine halsbrecherische Holztreppe für jedermann zugänglich sind; auf den schmalen Liegen mit zerschlissenem Samt vor den Regalen können besonders Glückliche dort gegen geringe Arbeitsleistungen für eine Woche von mitternachts bis mittags logieren. Die Buchhandlung an der Seine setzt auf eigene Art eine literarische Tradition fort. Nicht weit von hier erinnert eine Gedenktafel in der Rue de l’Odéon 12 an die amerikanische Buchhändlerin Sylvia Beach (1887–1962). Sie war die eigentliche Gründerin von „Shakespeare and Company“, und sie hatte den unerhörten Mut, unter dem Einsatz all ihrer Mittel das Skandalbuch der Epoche, James Joyces „Ulysses“, zu verlegen; das Stadt- und Weltbuch Dublins erschien in Paris an Joyces 40. Geburtstag, dem 22.2.1922 und wird auf alle Zeiten auch mit dem Namen Sylvia Beach verbunden sein. Im Zweiten Weltkrieg ging ihre Buchhandlung zwar ein, aber dank der Neugründung durch George Whitman und seiner nach Sylvia Beach benannten Tochter lebt der freie Geist der mutigen Buchhändlerin in den heutigen jungen Köpfen weiter.



Balzac

Literarisches Weiterleben ist in Paris ganz und gar nichts Besonderes. Der Enzyklopädist Diderot schaut von seinem Denkmal am Boulevard Saint-Germain 145 vor seiner ehemaligen Wohnung auf eine Weise herab, als müsse er noch immer über seine „Bleibe eines Lumpensammlers“ schimpfen. Das Café Les Deux Magots ein paar Schritte weiter umweht weiterhin der streitbare Geist des Schriftstellerpaars Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, die sich ein Leben lang siezten. Dagegen lacht einem der irisch-französische Dramatiker und Nobelpreisträger Samuel Beckett aus dem Schaufenster einer Buchhandlung in der Rue Mouffetard entgegen, als freue er sich über einen besonders absurden Witz.In der Rue Visconti 24 findet sich der diskrete Hinweis auf den Sterbeort Racines gleich neben der Erinnerung am Haus 17–19 an eben diejenige Druckerei Balzacs, mit der er schneller reich werden wollte als mit dem Schreiben. Aber seine humoristischen Stadtführer und vor allem seine wunderbaren Essays in der „Physiologie des Alltagslebens“ über „Die Kunst, seine Schulden zu zahlen und seine Gläubiger zu befriedigen, ohne auch nur einen Sou selbst aus der Tasche zu nehmen“ (Insel), und die grandio-se Studie zur „Kunst des Ganges“ (L’art du démarche), also der Haltung beim Gehen, brachten bei weitem nicht den erwünschten Erfolg.

Balzac sah sich daher gezwungen, seine Schulden – nach der eigenen Methode – durch eben diejenigen Romane abzutragen, mit denen er nicht nur sehr bald großen Erfolg hatte, sondern die er in 91 Bänden zu eben derjenigen „Comédie humaine“ zusammenfasste, die ebenfalls die Zeiten überdauert. In seinem Schreibhaus in Passy erstaunt die kleine Kaffeekanne, die vermutlich unablässig gefüllt worden sein dürfte, um den Schreiber wach zu halten. Daneben wimmeln in Wandvitrinen zahllose Holzschnitt-Clichés von Romanfiguren, die das stille Haus merkwürdig bevölkern. Im Garten des Musée Rodin an der Rue de Varenne 77 kann man dann am Bronze-„Balzac“ (1898) sehen, welches Monument der Bildhauer in dem Dichter sah, wie dynamisch er den romanhaften Weltschöpfer buchstäblich in eine kaum sichtbare Drehung und damit in Be-wegung setzt. An diesem Ort, dem seinerzeitigen Hôtel Biron, nahm sich wiederum der Dichter Rainer Maria Rilke Rodins Skulpturen zum Vorbild für seine neuen Ding-Gedichte wie den berühmten „Panther“, der zeilen-weise sogar noch heute durch den Song „Marie“ (2018) der Kölner Rockband AnnenMayKantereit schleicht.



Parc Monceau

Es ist sogar möglich, eine Stadt literarisch in Bewegung darzustellen, von ihren Anfängen bis heute. Das gelingt einem einheimischen Flaneur, der auf vielen Spaziergängen die Reste alter Zeiten erkannt, notiert und dargestellt hat. „Die Erfindung von Paris“ (2002), das Lebenswerk des heute 83-jährigen Chirurgen und Verlegers Eric Hazan, löst diesen Anspruch glänzend ein. Das Buch hat zurecht in Frankreich Furore gemacht und liegt demnächst in einer erweiterten und illustrierten deutschen Neuausgabe wieder vor. Die Stadt erzählt hier buchstäblich ihre eigene Geschichte, ist ihr eigener Held, und man wünscht sich geradezu ein zweites Leben, um lesend und flanierend durch all die Zeiten und Räume wandeln zu können. Für Eugene Sues „Geheimnisse von Paris“ oder Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ müssten dagegen jeweils völlig eigene literarische Stadtpläne entworfen werden. Ihre Erkundung benötigt Tage, wenn nicht Wochen oder Monate. Erst recht gilt das für Leben und Werk der vielen Emigranten in Paris, nicht nur aus Deutschland, seit Beginn der Dreißiger Jahre. Das Schicksal Joseph Roths, der in Paris bis 1939 sechs lange Jahre in tiefster Verzweiflung unterging, lässt sich an einer Gedenktafel in der Rue du Tournon 54b erinnern, mehr noch aber in seiner „Legende vom heiligen Trinker“, die-sem Loblied auf die Liebe. Das Gegenstück dazu ist Kurt Tu-cholskys Lied vom Parc Monceau, gesungen in den Zwanziger Jahren, neben dem Denkmal für den Novellisten Guy de Maupassant. Das Gedicht freilich muss man mitbringen, oder vorher auswendig lernen, es steht noch auf keiner Tafel. Es ist zeitlos liebevoll und bleibt bei aller Differenz eines der schönsten Gedichte der deutschen Literatur:

„Parc Monceau
Hier ist es hübsch; hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehen. Unter
grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.
Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.
Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen: sie sehen nichts und müssen alles sehn.
Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich be-scheinen
und ruh von meinem Vaterlande aus.“



WParis

Dirk Heißerer
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