Rom

Rom – die Hauptstadt der Welt

Was bleibt, sind die Katzen. Die Katzen von Rom führen zu den Seelen der Dichter, wenn sie sie nicht gar mit sich herumtragen. Diese Gedanken kommen einem unweigerlich beim Gang über den berühmten Friedhof der „acattolici“, der Nicht-Katholiken und Protestanten an der Cestius-Pyramide. Ein literarischer Spaziergang durch Rom muss dort beginnen oder enden, die „Ewige Stadt“ zeigt hier ihr geheimnisvollstes Gesicht.



ACATTOLICI

Der Friedhof verdankt sich einem traurigen Anlass. Dem damaligen preußischen Gesandten in Rom, dem Sprachforscher Wilhelm von Humboldt, starben 1803 und 1807 zwei Söhne, und dem protestantischen Vater zuliebe schenkte ihm Papst Pius VII. als Grabstätte ein Stück Land bei der Pyramide des Caius Cestius. Dort entstand nach und nach der wundersame Friedhof, auf dem die Begräbnisse lange Zeit nur bei Nacht im Fackelschein stattfinden durften, es gab keine Kreuze, keine Bibelworte, noch nicht mal eine Mauer. Doch unter Zypressen und Lorbeerbäumen lagen die Gräber bald in einem versöhnlichen Schatten und erzählten ihre eigenen Geschichten.



„Froh empfind ich mich nun auf klassischem Boden begeistert;
Vor- und Mitwelt spricht lauter und reizender mir.
Hier befolg ich den Rat, durchblättre die Werke der Alten
Mit geschäftiger Hand, täglich mit neuem Genuß.
Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt;
werd ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt beglückt.“
Goethe



Keats und Shelley

So kam der englische Dichter John Keats im November 1820 mit 26 Jahren in Begleitung seines Freundes, des Malers Joseph Severn, nach Rom, um dort Heilung von seiner Lungentuberkulose zu finden. Ihr Logis nahmen die Freunde an der Piazza di Spagna 26, gleich neben der berühmten Treppe hinauf zur Kirche Trinità dei Monti. Doch die römische Luft beschleunigte nur das Siechtum des Poeten, und wenige Monate später war er tot. Seinen Grabstein auf dem Friedhof bei der Cestius-Pyramide zieren eine Lyra und der selbstgewählte Spruch: „Here lies one whose name was writ in water“. An seinen Freund Severn, der Keats um fast 60 Jahre überlebte, erinnert auf dem Grabstein nebenan eine Malerpalette.

Noch tragischer war das Schicksal des englischen Dichter-Kollegen Percy Bysshe Shelley. Er war mit seiner Frau Mary, die sich den Frankenstein-Stoff ausdachte, zwischen März und Juni 1819 nach Rom gekommen und pries die Stadt in einem Brief an Thomas Love Peacock als „the capital of the world. It is a city of places and temples, more glorious than those which any other city contains, and of ruins more glorious than they.“ Ein grausames Schicksal sorgte aber dafür, dass Shelley selbst nur allzu bald und für immer in die gloriose Ruinenwelt des alten Rom eingehen sollte. Zunächst starb der gemeinsame Sohn William und wurde auf dem protestantischen Friedhof bestattet. Im Juli 1822 ertrank Shelley selbst bei einem Sturm im Meer vor La Spezia; seine Leiche wurde wenige Tage später am Strand von Viareggio angeschwemmt und dort in Anwesenheit des Dichters Lord Byron feierlich verbrannt. Shelleys Urne fand ihren letzten Ruheort unter einem Grabstein mit dem Wort „Cor Cordium“ (Herz der Herzen), doch ein Freund brachte sein Herz nach England zurück. An der spanischen Treppe bewahrt heute das Keats-Shelley-Haus in mehreren Räumen das Gedenken an die beiden großen englischen Dichter. Als hätte er geahnt, welchen merkwürdigen Zugang zur Unterwelt sich an der Cestius-Pyramide einmal eröffnen sollte, hat Goethe in seinen „Römischen Elegien“ diesen Ort in die Verse gesetzt: „Dulde mich, Jupiter, hier, und Hermes führe mich später, Cestius’ Mal vorbei, leise zum Orkus hinab!“ Vermutlich hätte aber auch Goethe nie gedacht, dass dort, an diesem magischen Ort, einst sein eigener Sohn August liegen würde. Geboren Ende 1789 nach der Rückkehr seines Vaters aus Italien, starb August von Goethe im Oktober 1830 in Rom an einer Trinkerleber; der Grabspruch verweigert ihm den eigenen Namen: „Goethe filius patri antevertens“ (Goethes Sohn, seinem Vater vorangehend).



„Froh empfind ich mich nun auf klassischem Boden begeistert;
Vor- und Mitwelt spricht lauter und reizender mir.
Hier befolg ich den Rat, durchblättre die Werke der Alten
Mit geschäftiger Hand, täglich mit neuem Genuß.
Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt;
werd ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt beglückt.“
Goethe



Goethes Wiedergeburt

Ganz im Gegensatz dazu sind die insgesamt 13 römischen Monate Johann Wolfgang Goethes von Oktober 1786 bis April 1788 der große Einschnitt in seinem Leben, „eine wahre Wiedergeburt“, wie er selbst bekannte. Was als Flucht aus Weimar begann und als Dienstreise nach 1½ Jahren abgerechnet wurde, fand in Rom die wichtigste und längste Station der „Italienischen Reise“. Bestechend führt K. R. Eissler in seiner psychoanalytischen Studie aus, dass Goethe erst in Rom sein erstes sexuelles Erlebnis hatte, mit einer jungen Frau namens Faustina. Unter dem Pseudonym „Pittore Filippo Möller“ logierte er im Haus Via del Corso, 18-20, der heutigen „Casa di Goethe“, bei seinem Freund Tischbein, der ihn so grandios portraitierte, dass „Goethe in der Campagna“ zur Ikone der deutschen Italienromantik im 19. Jahrhundert wurde. Berühmt ist das Fazit, das Goethe anspielungsreich in seinen „Römischen Elegien“ aus seinen Liebestagen in der ewigen Stadt zog. Und angesichts dieser Lebenslust gewinnt Goethes zweites berühmtes Wort über Rom eine neue Facette. Ein Goethe-Denkmal findet sich im Garten der Villa Borghese an der Viale Goethe, wo der Dichter am Ende seiner römischen Zeit im Frühjahr 1788 Teile des „Faust“ schrieb, so die „Hexenküche“ und wohl auch die Szene „Wald und Höhle“. In der heutigen „Casa di Goethe“ erinnern wechselnde Ausstellungen an den berühmten Gast und die Goethe-Bibliothek des Verlegers und Sammlers Richard Dorn wartet auf neue Leser.



„Ja, ich kann sagen, dass ich nur
in Rom empfunden habe,
was eigentlich ein Mensch sei.
Zu dieser Höhe, zu diesem Glück
der Empfindung bin ich später
nie wieder gekommen,ich bin,
< mit meinem Zustand in Rom verglichen,
< eigentlich nachher
< nie wieder froh geworden.”
Goethe



Totentanz beim Pantheon

Fast zwei Jahre haben die Brüder Heinrich und Thomas Mann zwischen Sommer 1895 und Frühjahr 1898 in Rom und Palestrina verlebt und dabei ihr literarisches Debüt inszeniert. Sie wohnten in der Via Torre Argentina 34, dritter Stock. Das Haus ist längst verschwunden; an seiner Stelle wurde 1926/28 eine „area sacra“, ein heiliger Bezirk aus der Zeit der Römischen Republik, ausgegraben. Hier befand sich u.a. das Theater des Pompeius, wo Julius Cäsar an den Iden des März des Jahres 44 v. Chr. ermordet wurde; heute streunen zahlreiche Katzen durch die Ruinen des Largo Torre Argentina.

Die Via Torre Argentina geht es hinauf zum Pantheon; im Haus Via del Pantheon 57, 2. Stock logierte Thomas Mann, wie eine etwas versteckt in der Höhe angebrachte Gedenktafel seit 1990 verkündet, von November 1896 bis Juli 1897. Hier, wo Thomas Mann stolz war, „das Pantheon vor der Hausthür zu haben“, und im nahen Bergort Palestrina entstanden einige der Novellen des von S. Fischer verlegten Novellenbands „Der kleine Herr Friedemann“ (1898), der schon Ende des Jahres auch in römischen Buchhandlungen auslag. Die sechs Novellendes 23-jährigen Debütanten variieren einen modernen Totentanz. Das sprach den Verleger offenbar so sehr an, dass er bei dem Newcomer einen Roman anregte. Entsprechend gut gestimmt erkundete Thomas Mann die Umgebung, sah vom Pincio „über die majestätische Stadt nach Sankt Peter“ hinüber, schrieb im Garten der Villa Borghese seine Novelle „Luischen“, in der ein Rechtsanwalt in den Tod getrieben wird, und hörte auf dem Pincio, besonders aber auf der Piazza Colonna, Wagner-Konzerte der „Munizipalkapelle“ von Maestro Alessandro Vessella.



Von Tasso zur Bachmann

Die einheimischen Poeten haben einen besonderen Ahnherrn in Torquato Tasso. Den an Verfolgungswahn leidenden Autor des „Befreiten Jerusalem“ (1581) ereilte allerdings ein besonders grausames Schicksal, als er 1595 einen Tag vor der geplanten Krönung zum Dichter, im Kloster San Onofrio al Gianicolo starb. Nebenan gibt es ein kleines Museum mit Ausgaben seiner Werke und der Totenmaske. Noch immer sind im Klostergarten die Reste eine uralten Eiche zu sehen, unter der Tasso einst gesessen haben soll. Die Geschichte der Villa Massimo, der Deutschen Akademie in Rom am gleichnamigen Largo im Norden Roms, ist seit 1913 bestimmt von Stipendien für deutsche Künstler und Literaten. Ob Heinrich Böll oder Uwe Johnson, Marie Luise Kaschnitz oder Hannah Hoech, ob Hans Magnus Enzensberger, Rolf Dieter Brinkmann, Wolfgang Koeppen oder Volker Braun – auf der Gästeliste der Villa Massimo fehlt kein wichtiger Name der deutschen Nachkriegsliteratur. Eigenständig und eigensinnig lebte die österreichische Lyrikerin Ingeborg Bachmann seit 1956 in Rom, Via Bocca di Leone 60, schrieb ihre einzigartigen Gedichtbände und Hörspiele und übersetzte kongenial den Kollegen Giuseppe Ungaretti. Ein Brandunfall durch eine Zigarette machte ihrem Leben mit 47 Jahren 1973 ein furchtbares Ende.

Neben den Katzen bleiben in Rom die Kinder, die römischen Kinder, so wie sie Marie Luise Kaschnitz in ihrem Band „Engelsbrücke“ aus der Beobachtung dreier Frauen festhält. Den Katzen zwischen den Grabsteinen ist das egal.





Literaturhinweise

Dirk Heißerer, geboren 1957, ist Literaturwissenschaftler und Autor sowie Vorsitzender des Thomas-Mann-Forums München e.V.. Seit 1988 veranstaltet er literarische Spaziergänge und Exkursionen zwischen Schwabing und dem Gardasee. (www.lit-spaz.de).

Fotos: © Dr. Dirk Heißerer, Adobe Stock, alamy u.a.