Unterwegs im Ruhrgebiet

Das Ruhrgebiet liegt in Nordrhein-Westfalen. So weit, so klar. Wenn es aber darum geht, wo genau der „Pott“ sich befindet – welche Städte dazu zählen und welche nicht – geht bei vielen das Zweifeln schon los.



Das Revier

Daher fangen wir damit einmal an: Als Ruhrgebiet wird die Region rechts des Rheins bezeichnet, die sich im Westen zwischen den Flüssen Ruhr und Lippe erstreckt und im Osten über Dortmund bis nach Hamm reicht (siehe Karte S. 32). Betrachtet man diese (und andere) Karten, könnte man das Ruhrgebiet für eine einzige Großstadt halten. Denn zwischen den einzelnen Städten – zu den wichtigsten zählen Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen – gibt es keine erkennbaren Grenzen. Mit seinen insgesamt rund 5,3 Millionen Einwohner:innen und einer Fläche von etwa 4.435 Quadratkilometern ist der sogenannte „Ruhrpott“ der größte Ballungsraum Deutschlands. Seine heutige Ausdehnung und Struktur erreichte die Region mit der Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert. Industrialisierung ist ein gutes Stichwort, denn wenn man danach gefragt wird, wofür das Ruhrgebiet bekannt ist oder was es auszeichnet, beinhaltet die Antwort mit großer Sicherheit mindestens einen der folgenden Begriffe: Bergbau, Kohle, Stahl, Hochöfen, harte Maloche. Daher kommt auch das Klischee, das Ruhrgebiet sei grau, dreckig und staubig. Bezogen auf die Einwohner:innen sind die ersten Assoziationen, die vielen einfallen, nicht weniger klischeehaft: Bier aus Trinkhallen, Pommes mit Currywurst, Fußball als Religion, die Jogginghose als Nationaltracht und alle Ruhrpottler:innen sind nach dem Motto „Frei Schnauze“ immer viel zu direkt.



"Ich habe mich hier von Anfang an wohl gefühlt, weil das Besondere an der Gegend sind die Menschen – die haben so eine Art von Grundsolidarität … eine unheimlich lebenswerte, tolle Gegend"
Martin Brambach, Schauspieler



Es grün so grün

Gott sei Dank ist den meisten aber bewusst, dass solche Klischees zwar irgendwo herkommen und ab und zu auch einen wahren Kern haben, dass sie aber nur einen Bruchteil der Realität abbilden. Nehmen wir zum Beispiel das Vorurteil, der Ruhrpott sei grau und staubig. Klar ist, dass es in Zechen (wird im Ruhrgebiet synonym zu „Bergwerk“ genutzt) nicht klinisch rein zugeht. Und auch, dass Industrielandschaften und allgemein dicht besiedelte Gegenden auf den ersten Blick nun einmal grau aussehen. Tatsache ist aber auch, dass es im Pott unzählige wunderschön grüne Parks und Gärten, sechs Stauseen und mit dem Ruhrtal-Radweg einen der schönsten Flussradwege Deutschlands gibt.



Industriekultur tief im Westen

Bleiben wir aber noch kurz bei der Industrie: Auch wenn seit der Schließung der letzten deutschen Steinkohle-Bergwerke in Bottrop und Ibbenbüren 2018 keine Kohle mehr gefördert wird und auch die Schornsteine der Stahlindustrie schon lange nicht mehr aktiv sind, hat sich das Ruhrgebiet sein Herz aus Kohle und Stahl bewahrt. So wurden Industriegebäude nach ihrer Stilllegung nicht etwa abgerissen, sondern aufwendig restauriert, modernisiert und zu Industriedenkmälern umfunktioniert, die heute zum Teil als Locations für besondere Ausstellungen, angesagte Events und spannende Museen dienen.

Beispiele dieser Industriekultur sind der Gasometer in Oberhausen – die höchste Ausstellungs- und Veranstaltungshalle Europas –, das UNESCO-Welterbe Zeche Zollverein in Essen – Standort verschiedener Kultureinrichtungen – oder der Landschaftspark Duisburg-Nord, ein großer Park rund um ein stillgelegtes Eisenwerk, der von der britischen Tageszeitung „The Guardian“ zu den zehn besten Stadtparks der Welt gezählt wurde. Bildbände wie „Was von der Zeche bleibt – Bilder nach der Kohle“ oder „Kathedralen im Revier – Zechenlandschaft Ruhrgebiet“ dokumentieren diesen Transformationsprozess.



Ruhrkultur

Worauf die Ruhrpottler:innen neben ihren Trinkhallen, Jogginghosen und Fußballtrikots also noch großen Wert legen, ist Kultur: In Essen befindet sich mit dem Museum Folkwang ein Kunstmuseum, das lange Zeit eine Vorreiterrolle im Bereich der modernen Kunst innehatte. Das Schauspielhaus Bochum gehört zu den größten und renommiertesten Theatern Deutschlands. Und die oben bereits erwähnten Kulturstätten Zeche Zollverein, Landschaftspark Duisburg-Nord, Gasometer Oberhausen und viele mehr sind heute international bekannt und beheimaten renommierte Kulturveranstaltungen und -marken wie die Ruhrtriennale, das Klavierfestival Ruhr, das Choreographische Zentrum PACT, das Red Dot Design Zentrum oder das Ruhr Museum.



Immer (literarisch) was los

Zur Ruhrpott-Kultur gehören auch die Literatur und ihre Vermittlung. 2019 hieß es dazu in der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“: „Zählt man all die Poetry-Slams, die Debütlesungen, die Premierenfeiern, die literarischen Reihen und Werkstätten zusammen, dann könnte sich das Ruhrgebiet wohl durchaus als größte Lesebühne der Republik feiern lassen. Eine lebendige Szene ist hier daheim, die sich mit Leidenschaft dafür einsetzt, dass Literatur Gehör findet.“

Diese These spiegelt sich auch in der Praxis wider, denn schaut man sich ein bisschen auf der Seite des literaturgebiet.ruhr um, sieht man: Im Pott finden fast jeden Tag mehrere literarische Events statt – Lesungen, Buchvorstellungen, Autor:innengespräche, Schreibwerkstätten und vieles mehr. So ein umfangreiches literarisches Angebot stellt sich natürlich nicht von selbst auf die Beine. Dafür gibt es im Ruhrgebiet Organisationen und Institutionen wie die Literarische Gesellschaft Ruhr, das Literaturbüro Ruhr oder das literaturgebiet.ruhr.

Diese Netzwerke sorgen dafür, dass das literarische Leben der Region sichtbar und gefördert wird, dass Schriftsteller:innen untereinander vernetzt und im Rahmen von Lesungen, Diskussionen oder Workshops mit an Literatur interessierten Bürger:innen zusammengebracht werden. Stets mit dem großen Ziel, die Aufmerksamkeit einzufordern, die der Ruhrpott-Literaturszene gebührt.

Jährlich wird so zum Beispiel der Literaturpreis Ruhr vergeben, die wichtigste Auszeichnung für Autor:innen, die entweder im Ruhrgebiet leben oder darüber schreiben. Namhafte Preisträger:innen der letzten Jahre sind etwa Mithu M. Sanyal, Judith Kuckart, Marion Poschmann, Frank Goosen oder Ralf Rothmann. Und auch zahlreiche Festivals werden organisiert. Zu den bekanntesten zählen sicherlich die lit.RUHR, die dieses Jahr vom 19. bis zum 23. Oktober stattfindet, und Europas größtes internationales Krimifestival „Mord am Hellweg“, während dessen internationale Krimi-Autor:innen auf Krimibegeisterte treffen.



"Unser Erbe hier ist sichtbar und wird gepflegt, und das ist für uns und für die Leute hier unheimlich wichtig."
Frank Goosen, Autor und Kabarettist



Glück auf

Auch wenn es klischeebehaftet ist, so darf bei einer Betrachtung der Literatur aus und über das Ruhrgebiet ein Exkurs zum Thema Arbeitswelt-Literatur nicht fehlen. Denn viele denken bei Literatur aus der Arbeitermetropole Ruhrgebiet nach wie vor an Texte über die Kohle- und Stahlwelt.

Dieses Genre geht darauf zurück, dass die Entstehung des größten industriellen Ballungszentrum Europas im Ruhrgebiet in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Faszination bei vielen Schriftsteller:innen auslöste, die daraufhin Industrie, Arbeitswelt und Arbeitskampf als literarische Stoffe entdeckten.

Ein wichtiger Vertreter dieser Bewegung war Max von der Grün, der in seinen Romanen (am prominentesten in „Irrlicht und Feuer“ und auch bekannt für den Kinderbuchklassiker „Die Vorstadtkrokodile“) die schlechten Arbeitsbedingungen in den Zechen beschrieb und die Arbeitswelt mit all ihren politischen und sozialen Problemen in den Vordergrund stellte. Er war darüber hinaus Mitbegründer der Dortmunder Gruppe 61, einer literarischen Vereinigung zur künstlerischen Auseinandersetzung mit der Arbeitswelt und ihren sozialen Problemen.

Wer dieser Gruppe noch angehörte, war der auch heute noch medial präsente Autor und Journalist Günter Wallraff. Dieser ging in seinem Bestreben, die Missstände, unter denen Arbeiter:innen litten, aufzudecken, allerdings noch einen Schritt weiter und begab sich undercover in Fabriken und Unternehmen, um die Beschäftigungsbedingungen dort hautnah mitzuerleben.

Erwähnt sei hier auch Ralf Rothmann. In seinen Ruhrgebietsromanen geht es auch um die Arbeitswelt der Bergleute oder das Leben in Arbeitersiedlungen, allerdings unterscheidet sich sein Erzählen vom politischen Schreibkonzept der Dortmunder Gruppe 61 unter anderem dahingehend, dass seine Darstellungen mythische Züge annehmen.



Reviergewächse

Die Literaturszene im und aus dem Ruhrgebiet ist allerdings viel mehr als Arbeitswelt-Literatur. Dabei ist sie aktuell so vielfältig, kreativ und lebendig wie kaum eine andere. Es gibt eine große Kinder- und Jugendbuchszene – viele Autor:innen dieses Genres haben sich 2019 zu dem Netzwerk Ruhrautor:innen zusammengeschlossen – darunter auch der bekannte Kinderbuchautor Jörg Hilbert („Ritter Rost“, „Coco Stolperbein“ siehe Interview S. 23), und mit Sarah Jägers „Nach vorn, nach Süden“ stand im letzten Jahr sogar ein Jugendroman auf der Shortlist für den Literaturpreis Ruhr. Dieses Jahr darf sich Herr Hilbert über seine Nominierung für >>Coco Stolperbein<< freuen. Auch die Poetry-Slam-Community im Ruhrgebiet ist riesig. WortLautRuhr ist bundesweit einer der größten Veranstalter im Poetry-Slam-Bereich. Kein Wunder also, dass der bekannte Komiker und Slam-Poet Torsten Sträter im Pott beheimatet ist. Inzwischen ein prominentes TV-Gesicht mit Beanie-Mütze als Markenzeichen, machte Sträter zuerst als Slam-Poet auf Live-Bühnen Furore. Zu den späteren Stationen seiner steilen Karriere zählen ein Podcast, eine eigene Radiosendung und der Sieg in der ersten deutschen Staffel von LOL: Last One Laughing. Viel Respekt und Sympathie verschaffte sich der gelernte Herrenschneider durch den offenen Umgang mit seiner depressiven Erkrankung, die er auch kabarettistisch verarbeitet und die ihn zur Schirmherrschaft der Deutschen Depressionsliga e.V. brachte.

Als Schauplatz ist das Ruhrgebiet zudem bei Krimiautor:innen beliebt. Eine Beweismittelaufnahme in der Nähe des Zauberlehrlings (etwa 35 Meter hohe Kunstskulptur) in Oberhausen oder eine Festnahme am Binnenhafen in Duisburg: Spannende Tatorte gibt es im Ruhrgebiet genug.

Und wo ist da Frank Goosen einzuordnen? Der 1966 in Bochum geborene Autor und Kabarettist darf an dieser Stelle natürlich nicht fehlen. In seinen Romanen und Erzählungen thematisiert er das Ruhrgebiet, seine Menschen und Eigenheiten und – und damit wären wir wieder bei den Klischees gelandet. Genau so wie zahlreiche Bewohner:innen des Ruhrgebiets beziehen auch Frank Goosens Figuren viel von ihrem Selbstverständnis aus einer von Bergbau und Stahlindustrie geprägten Vergangenheit. Schließlich ist das Ruhrgebiet durch eben jene Vergangenheit zu dem geworden, was es heute noch ist: eine ganz besondere und einzigartige Region.



Unsere Top-Sehenswürdigkeiten im Ruhrgebiet (plus beliebtes Liedergut aus dem Pott)

Orte und Sehenswürdigkeiten

Ruhrtal-Radweg: www.ruhrtalradweg.de
Gasometer Oberhausen: www.gasometer.de/de
Zeche Zollverein: www.zollverein.de
Landschaftspark Duisburg: www.landschaftspark.de
Museum Folkwang: www.museum-folkwang.de/de
Schauspielhaus Bochum: www.schauspielhausbochum.de/de/
Choreographisches Zentrum PACT: www.pact-zollverein.de
Red Dot Design Zentrum: www.red-dot-design-museum.de/essen
Ruhr Museum: www.ruhrmuseum.de
Binnenhafen Duisburg: www.duisburg.de/wohnenleben/wasser/hafen.php

Veranstalter & Veranstaltungen
Ruhrtriennale: www.ruhrtriennale.de/de/
Klavier-Festival Ruhr: www.klavierfestival.de
literaturgebiet.ruhr: www.literaturgebiet.ruhr
Literarische Gesellschaft Ruhr: www.literarische-gesellschaft-ruhr.de
Literaturbüro Ruhr: www.literaturbuero-ruhr.de
Literaturpreis Ruhr: www.rvr.ruhr/themen/kultur/literaturfoerderung/
Internationales Literaturfest lit.RUHR: www.lit.ruhr
Krimifestival „Mord am Hellweg“: www.mordamhellweg.de
Netzwerk Ruhrator:innen: www.literaturgebiet.ruhr/mitglied/die-ruhrautorinnen-kinder-und-jugendbuchautorinnen/
WortLaut Ruhr: www.wortlautruhr.com

Liedergut
Bochum – Herbert Grönemeyer
Currywurt – Diether Krebs / Herbert Grönemeyer
Ruhrgebiet – Wolfgang Petry
Oberhausen – Die Toten Hosen
Faust auf Faust – Klaus Lage
Das Steigerlied
Bruttosozialprodukt – Geier Sturzflug