Rebekka Frank

„Unsere Geschichten haben immer viel mit uns selbst zu tun.“

Wir sprachen mit Rebekka Frank über ihren großen, sensibel erzählten Familienroman über Lebensentscheidungen, die uns auseinandertreiben können – oder für immer miteinander verbinden.

Liebe Rebekka Frank, in Ihrem neuen Roman „Stromlinien“ geht es um Familiengeheimnisse und Lebensentscheidungen. Die Vergangenheit der Mutter spielt eine wichtige Rolle im Leben der Schwestern Enna und Jale. Wie haben Sie sich der Herausforderung gestellt, ein so komplexes und sensibles Kapitel der deutschen Geschichte in einem Roman zu behandeln?

Bevor ich ins Schreiben einsteige, recherchiere ich in der Regel ziemlich viel. Dabei bin ich auch auf das Schicksal von Ennas und Jales Mutter gekommen. Wie eng es mit der deutschen Geschichte zusammenhängt, hat sich für mich nach und nach immer deutlicher gezeigt. Beim Schreiben bin ich dann stetig zwischen der emotionalen Welt meiner Figuren und meiner weiteren Recherche hin und her gependelt – mir hat dieses Wechselspiel unheimlich geholfen.

Was bedeutet der Titel „Stromlinien“ für Sie, und wie passt er zur Geschichte?

Es sind ganz unterschiedliche Linien, die diesen Roman bestimmen. Da wären zum einen die Stromlinien der Elbe, die alle Protagonistinnen miteinander verbindet. Und zum anderen die Lebenslinien einer Familie. Manche dieser Linien verlaufen parallel, manche durchkreuzen sich auf gefährliche Art und Weise. Aber eins ist ihnen allen gemein: Sie laufen auf ein großes Geheimnis zu.

„Stromlinien“ spielt in den Elbmarschen. Was fasziniert Sie an dieser Landschaft, und warum haben Sie sie als Schauplatz gewählt?

Vor allem wegen der wunderschönen Vielfalt dieses Landstrichs: Da gibt es kilometerweite Apfelplantagen, aber auch kaum berührte Marschwiesen. Elbstrände, die mich mit ihrem weißen Sand, dem grünblauen Wasser und den verwunschenen Bäumen an die Südsee erinnern. Wilde Inseln unter Naturschutz, aber auch eine alte Gefängnisinsel, auf der bis heute straffällige Jugendliche untergebracht werden. Und während die Natur dieser Landschaft so kraftvoll wirkt, muss sie der zerstörerischen Elbvertiefung doch immer weiter weichen. Es waren all diese Gegensätze, die mich regelrecht durch den Roman getragen haben.

Rebekka Franks Bücher

Rebekka Frank

Stromlinien

gebunden
€ 24,00
gebunden
€ 24,00

Enna und Jale leben im Rhythmus von Ebbe und Flut. Wie spiegelt sich Ihre eigene Verbindung zur Natur in Ihren Figuren wider?

Enna und Jale finden Kraft und Halt in der Natur, hier fühlen sie sich geborgen, sicher und zugehörig. Und in gewisser Weise geht es mir ähnlich. Ich wohne zwar nicht an der Elbe, sondern auf dem nordhessischen Land. Aber hier genieße ich die Natur zwischen Wäldern, Wiesen und Feldern trotzdem täglich – gemeinsam mit meiner Familie und unserem Hund. Viele meiner Ideen sind auf Waldwegen oder querfeldein auf weiten Wiesen zu mir gekommen.

Gibt es autobiografische Elemente in „Stromlinien“ oder ist die Geschichte rein fiktional?

Ich denke, unsere Geschichten haben immer viel mit uns selbst zu tun. Ich kenne Ennas Wunsch nach bedingungsloser Nähe und zugleich Jales Sehnsucht nach Unabhängigkeit sehr gut. Und wie ihre Mutter Alea würde ich die Welt so gern zumindest ein Stück weit verändern. Doch die Geschichte meiner Figuren, wie sie sich in „Stromlinien“ entfaltet, ist rein fiktional.

Welche Autoren oder Bücher haben Ihren literarischen Stil geprägt und inspiriert?

Oh, das waren wohl ganz unterschiedliche: Lauren Groff und Sarah Winman beeindrucken und inspirieren mich immer wieder sehr. Mariana Lekys „Was man von hier aus sehen kann“ werde ich wohl nie vergessen, und die Bücher von Taylor Jenkins Reid haben mich vor allem durch ihre so besonderen Erzählstrukturen umgehauen. Außerdem haben „Der verborgene Garten“ von Kate Morton und „Liebeskind“ von Romy Hausmann auf ihre ganz eigene andere Art und Weise ihre Spuren hinterlassen.

Welche Herausforderungen haben Sie beim Schreiben von „Stromlinien“ erlebt, und wie haben Sie diese gemeistert?

Ich möchte nicht zu viel verraten, aber die Recherche war in einigen Teilen nicht ohne, außerdem gibt es mehrere Szenen, die mir beim Schreiben sehr nah gegangen sind. Die größte Herausforderung war es diesmal für mich allerdings, immer wieder aus dem Schreiben aufzutauchen und meinen Alltag irgendwie zu meistern. Die Geschichte hat mich so in ihren Bann gezogen, dass ich zeitweise an überhaupt nichts anderes denken konnte. So extrem habe ich das vorher noch nie erlebt.

Und noch zwei Fragen zum Schluss: Wo kaufen Sie Ihre Bücher? Welches Buch hat Sie zuletzt begeistert?

Am liebsten kaufe ich sie in einer der kleinen Buchhandlungen bei mir um die Ecke. Dabei habe ich auch „Dschinns“ von Fatma Aydemir für mich entdeckt. Was für eine soghafte, mit Wut, Kraft und Feingefühl erzählte Familiengeschichte. Einfach großartig.