Das Literarische Zentrum Göttingen

„Es gibt kaum Veranstaltungen, bei denen gesellschaftliche und politische Themen keine Rolle spielen.“

Das Literarische Zentrum Göttingen zählt zu den bedeutendsten literarischen Institutionen Niedersachsens. Seit seiner Gründung im Jahr 2000 ist es ein Ort des Austauschs und der Debatte rund um aktuelle Literatur, kulturelle Bildung und gesellschaftspolitische Themen. Jährlich veranstaltet es zahlreiche Events für Jung und Alt, darunter auch Schulprogramme und Workshops. Wir sprachen mit den beiden Leiterinnen Anna-Lena Markus und Gesa Husemann.

Was war die ursprüngliche Vision für das Literarische Zentrum Göttingen, und wie hat sich diese im Laufe der Jahre entwickelt?

Das große Anliegen des Vorstandes (damals Heinz Ludwig Arnold, Thedel von Wallmoden und Hilmar Beck) war es, der Stadt Göttingen ein stetiges Literaturprogramm zu bieten, sodass Literatur in all ihren Formen und Facetten ganzjährig erlebbar wird – und zwar an einem festen Ort. Seine Anfänge nahm das Literarische Zentrum in einem kleinen Gewölbekeller, stieg dann schnell auf in den ersten Stock eines charismatischen Fachwerkhauses, das über 20 Jahre lang unsere Spielstätte war. Das war ein sehr besonderer Ort, er hatte aber so seine Tücken durch seine spezielle Form und die nicht ganz einfache Zugänglichkeit. Seit Mitte 2022 sind wir gemeinsam mit dem hiesigen Festival, dem Göttinger Literaturherbst, in das wunderschöne, für unsere Zwecke umgebaute Literaturhaus gezogen, mitten in der Stadt. Da fällt man mit der Eingangstür direkt in den Veranstaltungsraum. Aber nicht nur räumlich hat es enorme Entwicklungen gegeben. Wir haben uns mit ganz unterschiedlichen Formaten rund um die Literatur als Institution für Debatten mitten in der Stadt etabliert, veranstalten für Kinder- und Jugendliche genauso wie für ein erwachsenes Publikum, organisieren Autor:innenkongresse, Themenfestivals (wie zum Bsp. „Who cares?“ zu Fragen rund um die Carearbeit) oder gehen in den öffentlichen Raum mit Aktionen wie „Fenster auf! Spektakel gegen das Erstarren“ oder einer öffentlichen Kopfhörerlesung im Freien. Und bei alledem vergessen wir natürlich nie unser Kernformat, das Autor:innengespräch.

Das Zentrum veranstaltet jährlich über 150 Events für Erwachsene, Kinder und Jugendliche. Welche Rolle spielt das Programm speziell für junge Leser:innen?

Wir wollen Kinder und Jugendliche möglichst früh nicht nur mit Büchern, sondern auch mit den Menschen dahinter in Kontakt bringen. Dabei geht es uns zum einen um die Leseförderung an sich und um das Buch als Transporteur von Sprache, Wissen, Geschichten. Aber auch darum, die Ausdrucksfähigkeit zu stärken und einen Beitrag zur Demokratiebildung zu leisten. Zu uns können junge Leser:innen nicht nur kommen, um Autor:innen und ihren Geschichten live zu begegnen, sie können sich in Schreib-, Rap-, Illustrations-, Hörspielworkshops ausprobieren und wirksam werden, was das Selbstvertrauen enorm stärkt. Und natürlich arbeiten wir ganz eng mit Schulen zusammen, um auch die Kids anzusprechen, die vielleicht nicht von ihren Eltern in eine Kulturinstitution gestupst werden. Über die vielen Veranstaltungen direkt in den Schulen schaffen wir so einen Zugang zur kulturellen Bildung und wecken im Idealfall nachhaltiges Interesse. Ein zentrales Anliegen ist es uns dabei auch, das literarische Schreiben als Praxisanwendung in die Schulen zu bringen, weil wir schon oft bezeugen konnten, wie Schüler:innen darüber ganz neue Zugänge zum Schulstoff gefunden haben.

Wie trägt das Zentrum zur Förderung regionaler und internationaler Literatur bei?

Göttingen ist auch durch seine Studierenden aus 138 Ländern ein internationales Pflaster. Wir laden regelmäßig internationale Autor:innen ein, zuletzt Didier Eribon, Hanna Meretoja oder Rachel Cusk, oft in Zusammenarbeit mit den verschiedenen Instituten der Universität. Aber wir schauen natürlich auch in die Region. Wir pflegen einen engen Kontakt zum Literaturinstitut Hildesheim und geben dort selbst gemeinsam mit Autor:innen Seminare zur Literaturvermittlung an Kinder und Jugendliche. Seit einigen Jahren vergeben wir zudem, gefördert von der Stiftung Niedersachsen, das Litlab-Stipendium an Absolvierende des Instituts. Das Stipendium fördert das eigene Schreiben ebenso wie die Literaturvermittlung, denn zusätzlich zum Dreimonatsschreibstipendium unterrichtet die Autor:in eine Gruppe junger Interessierter und fördert so den Nachwuchs. Das Interesse am eigenen Schreiben ist auch bei Erwachsenen groß. Darum bieten wir Schreibwerkstätten zu unterschiedlichen Themen an: In diesem Jahr hat sich eine Gruppe an zwei Nachmittagen gemeinsam mit der Dozentin Jenifer Becker zum Beispiel dem Schreiben mit KI-Tools gewidmet und dessen Grenzen ausgelotet.

Inwiefern fließen gesellschaftliche und politische Themen in das Veranstaltungsprogramm des Zentrums ein?

Ein Blick ins letzte Halbjahresprogramm verrät: Es gibt kaum Veranstaltungen, bei denen gesellschaftliche und politische Themen keine Rolle spielen. Denn auch die erzählende Literatur verhält sich derzeit sehr politisch. Das zeigt sich bei Autor:innen wie Ronya Othmann, aber auch bei Stefanie de Velasco, Rachel Cusk oder Ulrich Peltzer. Sachbücher haben bei uns sowieso ihren festen Platz, sei es zum Thema Klima, Populismus, Verkehrspolitik oder alternativen Liebeskonzepten. Wir verstehen uns als Haus der Debatte und versuchen die Themen der Zeit abzubilden – und zu diskutieren.

Das Zentrum ist Mitglied im Netzwerk der Literaturhäuser. Wie profitiert es von diesem Austausch, und was bringt es selbst ein?

Wir sind ungemein froh über den Austausch, denn wir beschäftigen uns oft mit ähnlichen Fragen: „Wie können wir Haltung zeigen?“, „Wie setzen wir neue Datenschutzrichtlinien um? “ – die Bandbreite ist groß. Das Netzwerk hat als solches eine starke Stimme im Literaturbetrieb und wir profitieren natürlich alle von Projekten, die wir gemeinsam durchführen und die für einzelne von uns vielleicht auch zu groß wären, wie zum Beispiel das Projekt „Mit Sprache handeln“. Es wurden Literaturveranstalter:innen aus ganz Europa zu einer Tagung eingeladen, um Erfahrungen auszutauschen, Literaturveranstaltungen zu diskutieren, neue Formate zu entdecken und Perspektiven künftiger Zusammenarbeit auszuloten. So ein Projekt funktioniert natürlich auch nur, wenn sich alle einbringen.

Welche Projekte oder Kooperationen mit der Universität Göttingen haben sich als besonders fruchtbar erwiesen?

In diesem Jahr richten wir zum dritten Mal den Science Slam gemeinsam mit der Universität Göttingen aus. Er findet statt im Rahmen unseres kleinen Frühjahrsfestivals, der „Frühjahrslese“, die wir gemeinsam mit dem Göttinger Literaturherbst organisieren. Mit über 600 Zuschauenden ist der science slam ein sehr erfolgreiches Format. Sehr beliebt und nachhaltig ist auch die Göttinger Lichtenberg-Poetikdozentur. Sie wurde 1999 von Heinz Ludwig Arnold ins Leben gerufen und wird seit 2014 vom Literarischen Zentrum Göttingen in Kooperation mit dem Seminar für Deutsche Philologie der Göttinger Universität ausgerichtet. Daniel Kehlmann, Carolin Emcke, Peter Rühmkorf u.v.m.: Göttingen wurde mit zahlreichen spannenden Vorlesungen beschenkt.

Gibt es ein spezifisches Event, auf die Sie sich besonders freuen?

Wir freuen uns auf das Festivalwochenende „Göttinger Frühjahrslese“ und besonders auch auf Svenja Flaßpöhler und Bernhard Pörksen, die über die Kunst des Streitens und Zuhörens debattieren. Was lesen Sie gerade? „Empathie und Widerstand“ von Kristina Lunz und Dimitrij Kapitelmans „Russische Spezialitäten“.

Besuchen Sie literarisches-zentrum-goettingen.de

Diese Bücher lesen die beiden Leiterinnen zurzeit:

gebunden
€ 20,99
Dmitrij Kapitelman

Russische Spezialitäten

gebunden
€ 23,00