Weimar

Weimar – „Aus dem Zauberthal dortnieden“

Ein literarischer Spaziergang durch das klassische Weimar

„Geheiligtes Pflaster“, tönte es aus einer Reisegruppe in der Gasse neben dem Goethehaus, und tatsächlich wird auf den alten Steinen um den Frauenplan in Weimar herum, auch dank der Kutschen, die dort bereit stehen, ein altes Deutschland sichtbar, das hier einzigartig bewahrt wird; seit 1998 gehört die kreisfreie Universitätsstadt in Thüringen mit 64.000 Einwohnern zum kulturellen Welterbe der UNESCO. Der Weg in die Stadt führt zunächst vom Bahnhof die Carl-August-Allee hinab zum Buchenwaldplatz mit dem Denkmal für den im KZ ermordeten Kommunistenführer Ernst Thälmann und der Aufschrift auf einer halbrunden langgezogenen Mauer: „Aus ihrem Opfertod wächst unsere sozialistische Tat“. Am einstigen „Gauforum“ vorbei, unter dessen weiter leerer Fläche zwischen Gebäuden der NS-Zeit heute Großkaufhäuser über Tiefgaragen erreichbar sind, geht es über den Goetheplatz zum Theaterplatz. Das Goethe-Schiller-Denkmal (1857) von Ernst Rietschel vor dem Deutschen Nationaltheater ist weithin bekannt. Dass in diesem Theater 1919 die Verfassung der ersten deutschen Republik beschlossen wurde, weiß man auch, selbst wenn der spöttische Harry Graf Kessler die damalige Nationalversammlung „ein Mittelding aus Bierbank und Konklave“ nannte. Das Bauhaus, ebenfalls 100 Jahre alt, war dazu genau der richtige Gegensatz. Sind es doch schon eigenartige Häuser, in denen der Deutsche Bundestag seit 1848 zusammenkam, von der Frankfurter Paulskirche über das Weimarer Hoftheater und das Bonner Wasserwerk bis zum Berliner Reichstag. Die „Deutsche Demokratische Republik“ hatte ein eigenes Traditionsbild, das sich in zwei Gedenktafeln am Theatereingang spiegelt. Die eine, vom August 1948, weist darauf hin, dass das nach dem Krieg wieder aufgebaute Theater „dem deutschen Volke übergeben“ werde, um ihm „den Weg zu weisen zu wahrem Menschentum“. HerderDie andere, mit den Porträtköpfen der Schriftsteller Johannes R. Becher (dem Dichter der DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“) und Thomas Mann, geht sogar so weit, die Begegnung der beiden Autoren anlässlich der Goethe- und Schillerfeiern 1949 und 1955 als „Verbündete im Kampf um die Befreiung Deutschlands vom Faschismus und im Wirken für die Wiedergeburt unserer nationalen klassischen Literatur“ zu bezeichnen. Von Goethe und Schiller zu Becher und Mann als neuen Klassikern – kein Wunder, dass Bundeskanzler Adenauer seinerzeit meinte, Thomas Mann passe besser in die „Soffjetzone“ als nach Westdeutschland.

Unbeirrt von all dem blicken Goethe und Schiller direkt auf den Witwensitz, das Wittumspalais der Herzogin Anna Amalia, deren Weltsinn für Kunst und Literatur das provinzielle Herzogtum einst in ein Zentrum des Weltgeistes verwandelte. Um zu verstehen, was das bedeutet, sollte man erst vom Theaterplatz durch die Schulzengasse zum Wielandplatz gehen, wo ein Denkmal ebenfalls seit 1857 an den Dichter und Prinzenerzieher Christoph Martin Wieland erinnert, mit dem der erste der „großen Vier“ nach Weimar kam. Neben Goethe und Schiller ist noch der Hofprediger, Philosoph und Volksliedsammler Johann Gottfried Herder zu nennen, dessen Standbild (1850) auf dem nach ihm benannten Platz vor der Stadtkirche St. Peter und Paul auf die Besucher wartet.

Von Schiller zu Goethe

Göthes Wohnhaus Bei der Selbstverständlichkeit, mit der heute die beiden Namen „Goethe und Schiller“ als Synonym für die deutsche Klassik in einem Atemzug genannt werden, erstaunt es umso mehr, wie lange die beiden Dichter und späteren Freunde zunächst einander aus dem Weg gegangen sind. Biegt man vom Theaterplatz in die Schillerstraße, die einstige Esplanade über dem aufgeschütteten Stadtgraben, so kommt man gleich zum Schillerhaus, wo, besonders im Arbeitszimmer, die Zeit wundersam stehen geblieben ist und sich unschwer erkennen lässt, dass Schiller hier in den letzten drei Jahren seines 46-jährigen Lebens durchaus zu den besser gestellten Bürgern Weimars gehörte. Der Blick ging damals ins Grüne; heute trifft er gleich auf zwei Buchhandlungen! An Schillers erste Wohnung in Weimar erinnert über einem Café am Frauenplan die wunderbar lakonische Gedenktafel „Hier wohnte Schiller 1787–1789“. Ungleich länger, gut 50 Jahre, konnte dagegen Goethe das stattliche Haus am Frauenplan bewohnen, das ihm Herzog Carl August zum Geschenk machte. Hier setzte er sich fest, als Hofdichter und Politiker, von hier aus flüchtete er, zur Selbstrettung und Selbstgewinnung, für anderthalb Jahre nach Italien, hierhin kam er zurück und lebte fortan eine offene Ehe mit Christiane Vulpius. Goethe war in allen Bereichen das, was man einmal einen „uomo universale“ genannt hat und was man hierzulande in dieser Qualität, in dieser Fülle und Schönheit nicht mehr gesehen hat. Einer wenigstens hat das nicht nur gewusst, sondern auch und gerade in Deutschlands trübsinnigster Zeit kongenial festgehalten: Thomas Mann mit seinem Roman „Lotte in Weimar“ (1939). Wenn heute literarische Spaziergänge am Marktplatz einen Schauplatz der Erzählung, das Hotel Elephant, aufsuchen (wo man eine Thomas-Mann-Suite beziehen kann), dann als das äußere Zeichen einer Huldigung, die weiter zurückreicht, als es die lebensgroße Figur auf dem Balkon des Hotels (die übrigens nicht Thomas Mann, sondern Harry Graf Kessler darstellt) suggerieren soll. Das Goethehaus selbst ist eine Welt für sich, Raum für Raum angehaltene Zeit, die Kunstwerke, das Arbeitszimmer mit den Schränken, das Sterbezimmer mit dem Lehnstuhl, die Stimmen von einst sind die Stimmen von heute, nur die Inhalte sind anders geworden. Und dann erst der Garten, ein Paradies für sich. Will man einmal wissen, wo der Weltgeist in Deutschland nobel und „asketisch“ (Thomas Mann) zugleich zu Hause war, melde man sich im Goethehause an.

Im Zauberthale

Neben vielen Namen und Themen, die, wie das Nietzsche-Archiv in der „Villa Silberblick“ (so heißt sie wirklich!) an der Humboldtstraße oder die Bauhaus-Universität unweit der Belvederer Allee weitere Perspektiven dieser kleinen großen Kulturhauptstadt Europas (1999) eröffnen, liegt ein besonders schönes offenes Geheimnis im nahen Park an der Ilm. Über den „Platz der Demokratie“ mit dem Reiterstandbild des Herzogs Carl August sowie einem totalen Halteverbot, vorbei am Gebäude der Herzogin Anna Amalia-Bibliothek, die nach dem verheerenden Brand 2004 wieder in neuem Glanz erstrahlt (beschützt durch vier neue große Hydranten) und vorbei am Haus der Charlotte von Stein, die es offenbar nie verwinden konnte, dass ihr Seelenfreund Goethe sich zu seiner „Mätresse“ bekannte, geht es in den Park zum Gartenhaus Goethes. GlückssteinHier nahm alles seinen Anfang, als Herzog Carl August seinem jungen Freund, dem 27-jährigen Dichter des „Werther“, 1776 das Haus samt Garten und Hanggrundstück schenkte. So blieb er für sechs Jahre in dem alten Weinberghaus, baute es nach seinen Wünschen um und legte einen Garten an, der heute die Besucher auf seine angenehmen Kieswege einlädt. Man gelangt, am besten zu zweit, über die Malvenallee zum „Stein des guten Glücks“ (agathe tyche), einem Sandsteinkubus, auf dem eine Kugel ruht, und kommt in einer schönen Kurve auf den gegen-läufigen Höhenweg, von wo aus man „die schönste Aussicht“ hat, wie Charlotte von Stein wusste. Am Ende des Wegs wartet das schöne steinerne Liebesdenkmal, das Goethe seiner Seelenfreundin Charlotte von Stein so gesetzt hat, dass das Geheimnis der Liebe und der Erinnerung erst bei sorgfältiger Entzifferung entgegen klingt: „Hier gedachte still ein Liebender seiner Geliebten / Heiter sprach er zu mir: Werde mir Zeuge du Stein / (...) / Bleibe mir Denkmal des Glücks / Dir allein verleih ich die Stimme wie unter der Menge / Einen die Muse sich wählt freundlich die Lippen ihm küsst.“ Damit nicht genug, erfährt man im Gartenhaus, wie, also in welcher Haltung (auf einem merkwürdigen Reithocker) Goethe gedichtet hat und was ihm dabei alles eingefallen ist. Man glaubt es aber erst, wenn man in den oberen Räumen die Handschrift der Verse „An den Mond“ liest und darüber das tiefblaue Aquarell Goethes sieht, das dem „Nebelglanz“ des Tales neben der physikalischen und der poetischen noch die künstlerische Deutlichkeit gibt. Hier findet sich auch das Gedicht „Mit einer Hyazinthe“ (an Charlotte von Stein, 25. April 1778), das wie der Glücksstein im Garten die Zeiten überdauert: „Aus dem Zauberthal dortnieden / Das der Regen still umtrübt, / Aus dem Taumel der Gewässer / Sendet Blume, Gruß und Frieden, / Der dich immer treu und besser / Als du glauben magst, geliebt.“



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Dirk Heißerer
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