Wein Spezial

Der Wein und das Ruhrgebiet

Man muss nicht jeden Tag Wein trinken. Auch nicht jede Woche. Man sollte dann eine Flasche öffnen, wenn man Lust auf Wein hat und ein guter Tropfen in der Nähe ist. Vor 15 Jahren, ich erinnere es noch gut, stand ich an einem Stehimbiß in Bochum und verzehrte eine Currywurst. Dabei fiel mir der Song von Herbert Grönemeyer ein: „Gehste inne Stadt, wat mach dich da satt? Ne Currywurst. Kommste vonne Schicht, wat schönret gibb es nicht’ als wie ne Currywurst...“ Es war ein Tag, an dem ich keine Lust auf Wein hatte. Am nächsten Tag war ich in Gelsenkirchen, gleich nebenan. Soweit das Auge reicht Döner- und Börekbuden, Sirtaki-Grills und Hähnchenbratereien. Wieder keine Lust auf Wein. Tags darauf dann Duisburg, der westlichste Zipfel des Ruhrpotts. Das Restaurant des Hotels, in dem ich schlief, hatte eine „Heimatkarte“, auf der Gelsenkirchener Gulasch, Revier-Reibekuchen und Schaschlik Schimmi standen. „Dat is lecker“ versicherte mir die Bedienung. Also bestellte ich, dazu ein Köpi. Was sonst in Duisburg als Pils?



Aus Grau wird Grün

Lang ist es her. Als ich vor ein paar Tagen ein neu erschienenes Buch mit dem Titel „Heimatliebe“ von Fernsehkoch Nelson Müller, der ein Restaurant im Essen hat, durchblätterte, fiel mir mein Ruhrpottbesuch von damals wieder ein. Und ich dachte: Wahnsinn, wie sich der Pott geändert hat. Heimat ist er immer noch für Millionen von Menschen, aber die Menschen sind nicht mehr die gleichen wie damals. Auf den Straßen begegnet man smarten Angestellten mit gegeelten Haaren, modisch gekleideten Frauen, Jugendlichen mit Earphones, Senioren auf dem E-Bike. Kumpel? Sucht man vergebens. Auch die Kneipen, in denen sich die Malocher zum Feierabendbier trafen, sind rar geworden: Die letzte Steinkohle-Zeche wurde 2018 geschlossen. In den stillgelegten Zechengebäuden haben sich Weinhandlungen breit gemacht. Weinbars schiessen überall aus dem Boden, in belebten Einkaufsstrassen und in grauen Hinterhöfen. Dortmund, die Bierstadt, veranstaltet eine eigene Weinmesse. Das Grau von einst ist dem Grün gewichen.



Wein oder Bier?

Ich behaupte: Im mondänen München existiert nicht annähernd soviel Grün wie zwischen Hagen, Herne, Wattenscheid, Bocholt, Oberhausen. Currywurst gibt es zwar noch immer an jeder Ecke. Aber es gibt eben auch unzählige Lokale, in denen man ein Ribeye-Steak, Vitello Tonnato, eine Edelfischpfanne oder eine Veggie Bowl bekommt und wer sich dort niederlässt, trinkt eher Grauburgunder, Sancerre, Brunello di Montalcino, prickelnden Crémant als Bier.Ich behaupte nicht, dass Wein per se besser als Bier ist – aber in gewissen Momenten schmeckt Rebensaft einfach besser als Gerstensaft. 500 verschiedene Aromen haben Wissenschaftler im Wein gezählt: Schiefernoten im Moselriesling, schotige Noten im Sauvignon Blanc, Vanille im Chardonnay, Cassis, Zedern- und Zigarrenkistenholz in einem Bordeaux, Schoko-Noten im Primitivo - um nur ein paar Beispiele zu nennen. Klingt für Laien vielleicht komisch, kann aber genial schmecken.



„Neue“ köstliche Heimat

Hätte Nelson Müllers Restaurant schon damals existiert, wäre ich vielleicht dort gelandet. Auf der Karte stehen Hummersülze, Gänseleber, Störmousse mit Kaviar – nicht unbedingt Gerichte, von denen Kumpel träumen. Und mit „Heimat“ assoziiert man sie auch nicht. Aber Müller hat mit seiner „Heimatliebe“ gar nicht das Ruhrgebiet und die Feinschmeckerei im Visier. Er beschreibt leckere traditionelle Rezepte aus allen Ecken Deutschlands: holsteinische Kartoffelsuppe, Leipziger Allerlei, Dortmunder Potthast, Hamburger Labskaus und – bitte feshalten – Ruhrpott Currywurst. Warum nicht? Ein passender Wein fällt ihm dazu allerdings nicht ein. Mir auch nicht. Aber wie gesagt: Man muß ja nicht jeden Tag Wein trinken.



Tipps & Tricks für Weinkenner: Was tun mit angebrochenen Weinflaschen?

Fast alle Rot- und Weißweine, vor allem jüngere Jahrgänge, halten sich auch nach dem Öffnen problemlos einen Tag, meist auch zwei oder drei Tage. Moderne Weine sind heute so stabil, dass sie in so kurzer Zeit keinen Schaden nehmen. Es reicht, die angebrochene Flasche wieder mit dem Korken zu verschliessen (oder mit dem Schraubverschluss). Ein Absaugen der Luft mit speziellen Gummipumpen hilft wenig. Allerdings sollte man die angebrochenen Flaschen nicht liegend, sondern stehend lagern. Sicher ist sicher.

Von: Jens Priewe