DAS LITERATURHAUS HAMBURG – EINE JUNG GEBLIEBENE INSTITUTION

Wein Spezial – von und mit Jens Priewe

Ein bekannter englischer Weinbuchautor hat vor ein paar Jahren einen witzigen Satz geschrieben: „Weintrinker sehen gut aus, sind intelligent, sexy und gesund.“ Ich weiss nicht, ob diese Erkenntnis einer wissenschaftlichen Überprüfung standhalten würde. Aber tendenziell ist der Satz wahr. Weintrinker sind neugieriger, kommunikativer, kontaktfreudiger als andere Menschen. Oft sehen sie, finde ich, auffallend gut aus, wobei ich gar nicht an Männer wie George Clooney oder Frauen wie Iris Berben denke, die beide begeisterte Weintrinker sind. Es genügt auch, mal einen Blick in eine Weinhandlung zu werfen auf die Menschen, die dort ein- und ausgehen. Und sexy? Sexy war die Frau neben mir im Flugzeug neulich. Deshalb war ich so sehr enttäuscht, dass sie Tomatensaft trank. Vielleicht war ihr der Wein, der an Bord ausgeschenkt wird, nicht gut genug. Ich flog übrigens nach München, um von dort mit dem Auto weiter nach Südtirol zu fahren. Südtirol ist wunderschön. Herrliche Wanderwege, schneebedeckte Berggipfel, urige Hütten, und jede Menge gemütliche Gasthäuser mit guter Weinkarte. In einem dieser Gasthäuser aß ich zu Abend und wurde Zeuge eines Gesprächs zwischen einem Ehepaar und der Kellnerin, das ich so bemerkenswert fand, dass ich es auf der Rückseite der Speisekarte mitstenografierte. Die Bedienung kam an den Tisch fragte: „Möchten Sie Wein trinken?“ Die Frau – schick gekleidet und braungebrannt – fragte zurück: „Was haben Sie denn?“ – „Rot und weiß.“ – „Ich hätte gern etwas Italienisches.“ – „Haben wir nicht. Nur einheimische Weine.“ – „Dann sowas in Richtung Barolo oder Chianti.“ – „Da hätten wir Vernatsch und St. Magda-lener oder Lagrein oder Merlot.“ – „Dann nehme ich ein Glas Merlot.“ – „Den haben wir nur flaschenweise.“ – „Nein, eine Flasche will ich nicht.“ – „Ich bringe Ihnen mal ein Glas Vernatsch.“ – „Nein, lieber den anderen. Wie hieß der noch?“ – „Meinen Sie Lagrein?“ – „Bringen Sie den.“ – „Den haben wir glasweise.“

Die Frau probierte den Lagrein und sagte: „Schmeckt so österreichisch.“ – „Ja, das ist eine einheimische Traube.“ – „Aber wieso schmeckt der so österreichisch?“ – „Weil die Luft bei uns anders ist als in der Toskana.“ – „Verstehe. Darum ist der Wein so österreichisch. So wie Pinot Noir.“ – „Pinot Noir haben wir hier nicht. Nur Pinot Nero.“ – „Achso.“ – „Aber nicht glasweise, nur Flasche.“ – „Nein, Flasche wollen wir nicht.“ – „Dann bleiben Sie beim Lagrein?“ – „Den nehmen wir“, mischte sich der Mann ein, ebenfalls blendend aussehend. Und: „Wir mögen es gerne, wenn der Wein nicht ganz trocken ist.“ – „Der Wein ist aber trocken“, wandte die Bedienung ein. Der Mann stutzte: „Ich dachte, er schmeckt fruchtig?“ – „Fruchtig schon, aber trocken. Nicht süß.“ – „Süß mögen wir nämlich gar nicht.“ – „Der Wein ist nicht süß.“ – „Aber fruchtig, haben Sie gesagt.“ – „Das macht die Erde, wo die Rebe drin wächst.“ – „Stimmt, die Erde ist auch wichtig.“ – „Die Erde ist aber nicht überall gleich.“ – „Ja, ja, teilweise leben zu viele Menschen auf der Erde, wir waren gerade in China ...“ – „Die Erde ist besonders gut bei uns, besonders steinig.“ – „Nicht so dürr wie anderswo. Und die gute Luft hier ...“ – „Ja, die Luft ist gut. Nicht so verpestet wie in der Toskana. Oder wie in Belgrad oder so.“ – „Belgrad kenn ich. Da ist die Luft wirklich schlecht.“ – „Darum ist der Wein hier besser. Bleiben Sie beim Lagrein?“ – „Die Luft hier ist auf jeden Fall frischer.“ Mein Gesprächsprotokoll zeigt, welch vielschichtiges Thema der Wein ist und dass Menschen, die gern ein Glas trinken, wissbegierig und offen sind. Auch wenn nicht alles, was da an dem Nachbartisch gesagt wurde, richtig ist und der Gesprächsverlauf etwas verquer war – halb so schlimm. Auch bei Weintrinkern tun sich gelegentlich Wissenslücken auf. Wenn ich es zur Hand gehabt hätte, hätte ich dem Ehepaar am Nebentisch das neue Buch von Paula Bosch geschenkt: „Wein genießen“. Da steht drin, was die Toskana, Südtirol und andere Weinanbaugebiete voneinander unterscheidet. Die Autorin war 20 Jahre lang Sommelière im Münchener Gourmet-Restaurant Tantris und weiß so ziemlich alles über Wein. Trotzdem ist sie nicht abgehoben. Sie beschäftigt sich auch mit Alltagsweinen und den Fragen, die Menschen so umtreiben, wenn sie zum Beispiel in eine Weinhandlung gehen und nicht wissen, welche Flasche sie auswählen sollen. Oder wenn sie, wie das belauschte Ehepaar, in einem Südtiroler Gasthof sitzen und einen passenden Wein zu einem gebeizten Alpenlachs suchen. Einen roten Lagrein würde Paula Bosch – da bin ich mir sicher – nicht empfehlen, auch wenn der Wein noch so einheimisch ist.

Wein genießen

Paula Bosch
Wein genießen
Callwey Verlag
Hardcover, 240 Seiten
300 farbige Abbildungen
ISBN 978-3-76672275-1
Euro 29,95 (D), Euro 30,80 (A)

Tipps & Tricks für Weintrinker

Weinetiketten ablösen
Fast alle Weinetiketten sind heute selbstklebend. Sie lassen sich nicht wie früher in warmem Wasser ablösen. Es gibt jedoch einen Trick. Zuerst heisses Wasser aus der Leitung in die Weinflasche füllen. Diese dann in einen Spaghettitopf (o. ä.) stellen, der ebenfalls mit heißem Wasser aus der Leitung gefüllt wird. Den Topf auf den Herd stellen und auf ca. 90°C erwärmen (nicht kochen). Nach etwa 5 Minuten die Flasche aus dem Topf nehmen und das Etikett vorsichtig mit einem Teppichmesser vom Glas lösen. Es funktioniert.

Von: Jens Priewe
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