Wien

Wien – Vom Kaffeehaus über die Strudlhofstiege in den Himmel

Ein literarischer Spaziergang durch Wien

Literaturmuseum

Wien ist ein einziges Literaturmuseum, jeder Weg, jeder Steg, jedes Haus, jedes Grab, alles Ausstellung, alles Exponate. Und überall Kaffeehäuser! Anstelle eines trojanischen Pferdes ließen die Türken 1685 nach der gescheiterten Belagerung Wiens 300 Säcke voller graugrüner Bohnen zurück, deren Bedeutung nur ein gewitzter Dolmetscher der orientalischen Kompanie erkannte. Er erhielt die Bohnen und eröffnete in der Nähe des Stephansdoms das erste Lokal für den ‚Türkentrank‘ in der Kaiserstadt. Um die ‚Melange’ und den ‚Kapuziner’ herum entstand so das Wiener Kaffeehaus, wo man „nicht zu Hause und doch nicht an der frischen Luft“ ist, wie Alfred Polgar pointiert. Aus der Zeit, da das Kaffeehaus in ganz Europa mit Zeitungen und Gesprächen eine lebhafte Börse des Geistes war, ist heute in Wien an jedem Kaffeehaustisch immerhin eine gewisse Lässigkeit übrig geblieben. Man hat gelernt, zu warten, einst auf eine Audienz beim Kaiser, und heute auf den Herrn Chef, den Herrn Hans und andere Herrschaften. Wir unternehmen lieber einen literarischen Spaziergang. Wien ist ja ganz einfach angelegt. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts die alten Basteien zugunsten der neuen Ringstraße verschwanden, gibt es einen ersten Bezirk innerhalb des Rings, berührt von Donau und dem Fluss Wien, und drumherum bis heute mehr als 20 weitere Bezirke (I.–XX.).



Sonnenfinsternis und Heldenplatz

Wien Adalbert Stifter kannte noch die alte Stadt und beobachtete am 8. Juli 1842 von seinem Wohnhaus, dem markanten Kornhäuselturm in der Seitenstettengasse 2 (I., beim Ruprechtsplatz), eine totale Sonnenfinsternis: „Ein einstimmiges ‚Ah’ aus aller Munde, und dann Totenstille, es war der Moment, da Gott redete und die Menschen horchten.“ Das Herz von Wien ist die Hofburg mit der Österreichischen National-bibliothek und dem Burgtheater. Der eine Flügel der Neuen Burg beschirmt den ‚Heldenplatz’, doch der zweite Flügel fehlt, und so entsteht da ein Durchzug, der bis in die jüngste Zeit- und Theatergeschichte andauert. Die Annektierung Österreichs, der 1938 auf dem Platz fanatisch zugestimmt wurde, bestimmt Thomas Bernhards letztes Drama „Heldenplatz“ (1989), das die politische Vergeblichkeit einer ganzen Epoche in eine einzige Sentenz zusammenfasst. In diesem „fürchterlichsten aller Staaten“ (Österreich) hätten die Leute heute „nur die Wahl zwischen schwarzen und roten Schweinen.“ Was sagt man dazu?



Komödie und Tragödie

Wir gehen vom Helden-platz entweder in die Nationalbibliothek oder ins Café Bräunerhof an der Stallburggasse 2. Dort, wo Thomas Bernhard Stammgast war, entpuppt sich die Speisen- und Getränke-karte als Zitatensammlung: „Im Kaffeehaus sitzen Leute, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen.“ (Alfred Polgar) Wie wahr! Von der Reitschulgasse geht die Bräunerstraße ab. In Nr. 3 wurde 1801 Johann Nepomuk Nestroy geboren, der erfolgreichste Komödien-dichter deutscher Sprache. Als er zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Vergessenheit geriet, holte ihn der Sprachkritiker und Vortragskünstler Karl Kraus wieder ins allgemeine Bewußtsein zurück. Die Zeitschrift „Die Fackel“, deren Flamme Karl Kraus von 1899 bis 1936 als Herausgeber und Allein-Autor unterhielt, hatte ihren Sitz erst im Haus Hetzgasse 4 (III.), und ab 1912 an der Lothringerstraße 6 (IV., Gedenktafel). Der kritische Kraus wiederum war vom Talent des genialen Lebenskünstlers Peter Altenberg derart überzeugt, dass er dessen Manuskripte heimlich sammelte und dem S. Fischer Verlag in Berlin zusandte. Altenbergs Lebensstil zwischen Diätetik und Mädchenverehrung wiederum wird im Graben-Hotel, Dorotheergasse 3 (I.), wo er lange im „Nest“ von Zimmer 51 gewohnt hat, mit Briefen und Fotos liebevoll erinnert, getreu seiner Maxime: „Mein Leben ist unwichtig. Aber was davon für andere wichtig ist, ist wichtig.“

Zu Altenbergs Freundeskreis gehörte der Architekt Adolf Loos, der sich als Lebensratgeber in Journalen einen Namen machte und gegen den vorherrschenden Jugendstil mit der Schrift „Ornament und Verbrechen“ (1912) polemisierte. Ein Zimmer seiner Wohnung in der damaligen Giselastraße (heute Bösendorferstraße) 3/V (I.) ist heute im zweiten Stock des Historischen Museums der Stadt Wien am Karlsplatz weitgehend erhalten. Der dritte im Freundesbunde war der Kulturhistoriker Egon Friedell. Der Autor der „Kulturgeschichte der Neuzeit“, aber auch Ägyptens, des Alten Orients und Griechenlands, stürzte sich am 16. März 1938 abends gegen 22 Uhr auf der Flucht vor Nazi-Schergen aus einem Fenster seiner Wohnung Gentzgasse 7 (XVIII.) in den Tod. Es verschlägt einem die Sprache.



Wittgenstein und Hundertwasser

Hundertwasser Doch das Grauen hielt an. Der Roman „Malina“ (1971) von Ingeborg Bachmann spielt um jenes Haus Ungargasse 9 (III.) herum, wo die Bachmann von 1949 bis 1953 gewohnt hat; der Roman berührt durch die gnadenlose Sektion der Gefühle und Träume. Eine Erholung davon bieten zwei Häuser in der Nähe. Das bunte Haus des Malers Friedensreich Hundertwasser, der einst mit der Parole „Los von Loos“ die krumme Linie wieder in die Malerei zurückgeholt hatte, an der Kegelgasse 36 (III.) ist das eine. Das andere ist das Haus, das der Philosoph Ludwig Wittgenstein für seine Schwester Margarete Stonborough zwischen 1926 und 1928 an der Kundmanngasse 19 (III.) plante und das beider Schwester Hermine „hausgewordene Logik“ nannte. Wittgenstein, der die moderne Philosophie mit dem „Tractatus logico-philosophicus“ (1922) an ein systematisches Ende geführt hatte, sah die Bedeutung eines Wortes allein in seinem Gebrauch und entwarf daraus eine Theorie des Sprachspiels. Auf verhaltene Kritik am ruinösen Zustand des Hauses entgegnet der heutige Nutzer, der Direktor des Bulgarischen Kulturinstituts, unter Hinweis auf seinen berühmten Architekten beinahe wie der Philosoph selbst: „Wittgenstein ist nur ein Name!“



Am Alsergrund

Das heimliche Literaturviertel Wiens ist der Alsergrund (IX.) nördlich der Inneren Stadt. Dorthin geht es zu Fuß an der Börse entlang zunächst bis zum Sigmund-Freud-Museum im ehemaligen Wohnhaus an der Berggasse 19. Der Autor der „Traumdeutung“ (1900) und Begründer der Psychoanalyse hat die Literatur des 20. Jahrhunderts weltweit entscheidend beeinflusst. Über der Berggasse liegt die Wasagasse mit dem Bundesgymnasium. Schüler waren hier Stefan Zweig, Friedrich Torberg und Erich Fried. An Frieds altem Wohnhaus Alserbachstraße 7 steht auf einer Tafel sein Gedicht mit dem berühmten Schlussvers „Es ist was es ist sagt die Liebe“. Nicht mehr weit ist es zwischen Währinger- und Liechtensteinstraße (mit Hebbels letzter Wohnung in Nr. 13) zur Strudlhofgasse. In dem 900-seitigen Roman „Die Strudlhofstiege“ (1951) entwirft Heimito von Doderer eine „Bühne des Lebens“, ein großartiges Panorama der Wiener Gesellschaft aller Schichten vor und nach dem Ersten Weltkrieg, eine Fahrt in die „Tiefe der Jahre“, poetisch gebannte Zeitgeschichte: „Viel ist hingesunken uns zur Trauer / und das Schönste zeigt die kleinste Dauer.“ So kündet es eine Tafel an der Treppe, auf dem Weg hinauf zur Strudlhofgasse. Aber nicht nur einheimische Dichter sind hier nachweisbar, der Alsergrund erlebte auch hohen Besuch aus dem Ausland. So kam Thomas Mann Ende Oktober 1932 in besonderer Mission. Er hatte sich (symbolisch gemeint) eine rote Krawatte umgebunden und las im Arbeiterbildungsverein Alsergrund an der Säulengasse 20 (IX.) das tragikomische Hochzeitskapitel aus den noch unveröffentlichten „Geschichten Jaakobs“ vor. Am Tag darauf legte er in der Volkshochschule Ottakring am Ludo-Hartmann-Platz (XVI.) sein „Bekenntnis zum Sozialismus“ ab. Der Erfolg war durchschlagend, der Abgang wurde zum „Demonstrationszug“. Doch der Weg Thomas Manns in Wien vom Hotel Imperial ins Arbeiterheim führte ihn in ein 16-jähriges Exil bis nach Kalifornien.



Literaturmuseum und Zentralfriedhof

Wer sich eine eigene literarische Stadterkundung sparen will, kann dennoch bis zur vollkommenen körperlichen Erschöpfung das 2015 eröffnete Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek im ehemaligen Hofkammerarchiv an der Johannesgasse 6 (I.) erkunden. Zwischen den belassenen, überbordend sinnvoll neu bestückten alten Holzregalen und dem konservierten Arbeitszimmer des Dramatikers Franz Grillparzer ist an Überraschungen kein Mangel, von Georg Trakls letzten Gedichten bis zu Peter Handkes Wanderschuhen.

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Ein einzigartiges Freiluftmuseum ist dagegen der weltberühmte Wiener Zentralfriedhof an der Simmeringer Hauptstraße 234 (XI.), wo Beethoven und Schubert, Arthur Schnitzler und Friedrich Torberg, Ernst Jandl und Udo Jürgens, Hedy Lamarr und Helmut Qualtinger eine neue stille Gesellschaft bilden; dazu brilliert Gert Jonke mit dem herrlichen, aus einem Schluck Wasser und dem Biss ins Gras kombinierten Grabspruch: „Ein Schluck Gras löscht jeden Durst, im Inland und im Ausland auch“! Zum Abschluss winkt noch eine besondere Höhe im Wienerwald, der Hügel „Am Himmel“ (XIX.), Himmelstraße 115, oberhalb von Grinzing an der Stelle des längst verschwundenen Schlosses Bellevue, einem Erholungsheim. In diesem Haus träumte Sigmund Freud in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli 1895 den berühmten „Traum von Irmas Injektion“, der ihm den Königsweg wies zum Traum als Wunscherfüllung. Das Schloss ist schon lange verschwunden, die „Traumdeutung“ dafür präsenter denn je. In einem Brief aus der Berggasse an Wilhelm Fliess fragt Freud am 12. Juni 1900 skeptisch: „Glaubst Du eigentlich, daß an dem Hause dereinst auf einer Marmortafel zu lesen sein wird?: ‚Hier enthüllte sich am 24. Juli 1895 dem / Dr. Sigm. Freud / das Geheimnis des Traumes.’ Die Aussichten sind bis jetzt hierfür gering.“ Doch ein Gedenkstein, der mitten auf der leeren Wiese steht, trägt seit 1977 genau diese Worte und macht aus der Skepsis von einst, allen Widrigkeiten der Epoche zum Trotz, eine besonders charmante Wunscherfüllung.

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Dirk Heißerer
Fotos: © Dr. Dirk Heißerer, Adobe Stock, Literaturmuseum © Österreichische Nationalbibliothek
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