Zürich

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Dada im Niederdorf

Gottfried Benns berühmte rhetorische Frage aus dem Gedicht „Reisen“ (1950) –
„Meinen Sie Zürich zum Beispiel sei eine tiefere Stadt, wo man Wunder und Weihen immer als Inhalt hat?“

– lässt sich noch immer sehr einfach beantworten. Die größte Stadt der Schweiz mit etwa 409.000 Einwohnern (nimmt man das Umland dazu, sind es sogar 1,8 Millionen!), 400 Meter über dem Meer am Nordende des Zürichsees auf beiden Seiten der ihm entströmenden Limmat gelegen, ist auf jeden Fall eine höhere Stadt, zumindest in einem literarischen Sinn. Vom Bahnhof und der Bahnhofstrasse aus (schweizerisch geschrieben mit ss statt mit ß) sind es nur wenige Schritte über die Brücke zum Central und zum Niederdorf. Ein Spaziergang durch diese alte Gasse, die sich abends in eine laute Neppmeile verwandelt, zeugt von alten Zeiten, in denen die Schweiz für viele Literaten, trotz strenger Auflagen, Fluchtort und Rettungsinsel war. So etwa für das Emigranten-Kabarett „Die Pfeffermühle“ im Hotel Hirschen (Niederdorfstrasse 13), wo Erika Mann mit ihren emigrierten Mitstreitern, darunter Therese Giehse, im September 1933 erfolgreich Premiere feierte. Man verstand den klugen, frechen Ton gegenüber dem mörderischen NS-Deutschland sehr gut und wusste die künstlerische Souveränität und Qualität der Tochter Thomas Manns zu schätzen. Doch rechtsnationale sogenannte ‚Frontisten‘ störten die Aufführungen und drohten mit Entführung und Auslieferung des Ensembles an das ‚Dritte Reich‘. Literarisch besonders aufgeladen ist die Spiegelgasse. Hier grüßt am Haus Nummer 1 mit zwei Gedenktafeln, wenn auch leicht resigniert, das legendäre Künstlerkabarett Voltaire, wo schon 1916 avantgardistische Emigranten aus München wie Hugo Ball und Emmy Hennings, Hans Arp aus Straßburg und Tristan Tzara aus Rumänien das Absurde zum Programm erhoben. Mitten im Krieg hieß das sinnfreie Motto „Dada“ und stellte alles, erst recht das Morden auf den Schlachtfeldern, in Frage. Als Anarchiekonzept wirkte Dada auf die moderne Kunst und Dichtung noch länger nach.



Büchner und Lenin

Unweit davon hat 1836/37 der politische Flüchtling Georg Büchner (1813 – 1837) in der Spiegelgasse 12 (damals: Steingasse) sein letztes Lebensjahr verbracht. Mit 23 Jahren war er bereits Doktor der Medizin und Privatdozent – besonders aber Dichter des Revolutionsdramas „Dantons Tod“, der Komödie „Leonce und Lena“, des „Woyzeck“ und der Erzählung „Lenz“. Büchner fühlte sich wohl in Zürich und lobte die „einfache, gute, rein republikanische Regierung, die sich durch eine Vermögenssteuer erhält, eine Art Steuer, die man bei uns überall als den Gipfel der Anarchie ausschreien würde“. Er war fleißig und zielstrebig: „Ich sitze am Tage mit dem Skalpell und die Nacht mit den Büchern.“ Aber eine Typhuserkrankung raffte den jungen Mann im Februar 1837 hinweg; sein Grab befindet sich neben dem Theater Rigiblick (Germaniastrasse 99); das Felsengrabmal (1875) – 2015 renoviert und mit einer neuen Linde versehen – ziert ein pathetischer Vers des revolutionären Dichterkollegen (und ebenfalls Zürich-Flüchtlings) Georg Herwegh:

„Ein unvollendet Lied, sinkt er ins Grab. Der Verse schönsten nimmt er mit hinab.“

Der Einfluss Büchners auf die deutsche Literatur, auf Musik und Film hält bis heute an: Der 21-jährige Friedrich Dürrenmatt verdankt dem Grabmal sein literarisches Erweckungserlebnis an Heiligabend 1942, und der angesehenste deutsche Literaturpreis wird alljährlich in Georg Büchners Namen verliehen. Nur ein Haus weiter, Spiegelgasse 14, erinnert eine Gedenktafel an das eine Jahr, von Februar 1916 bis April 1917, in dem „Lenin / Der Führer der Russischen Revolution“ hier gewohnt hat. Von hier aus ging es in dem berühmten Eisenbahnwaggon durch Deutschland nach Moskau, wo die Oktoberrevolution 1917 das Ende des Zarenreiches und den Beginn der Sowjetunion einläutete. Dass Lenin in Anlehnung an den sibirischen Fluss Lena der selbstgewählte Schriftstellername des Flüchtlings Uljanow war und dass er in Zürich seine Studie „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ beendete, geht angesichts dieser Entwicklungen beinahe unter. Auf Lenins Spuren in Zürich war später der deutsche kommunistische Emigrant Johannes Robert Becher unterwegs und stand 1934 „lange vor Lenins Haus –

Die Stadt war ringsum versunken – Da hörte ich, wie ich selbst zu mir sprach: ‚Eine Flamme schlug einst aus dem Funken.’“

Nach dem Krieg gründete Becher in Ostberlin den Kulturbund, dichtete die Hymne der DDR „Auferstanden aus Ruinen“ und wurde Minister für Kultur.



Lavater und Keller

Man glaubt es kaum, dass es in Zürich unweit von Lenin gleich wieder zurück ins 18. Jahrhundert geht, zu Johann Caspar Lavater in die Spiegelgasse 11. Der Theologe, Schriftsteller und Philosoph, der in den Gesichtern seiner Zeitgenossen lesen konnte wie in offenen Büchern („Physiognomische Fragmente“, 1778), konnte in seinem Vaterhaus seinerzeit alles begrüßen, was im geistigen Europa Rang und Namen hatte, darunter den jungen Goethe. Kommt man dann endlich aus der Spiegelgasse wieder heraus, wartet am Neumarkt 27 der große Schweizer Erzähler Gottfried Keller; eine Gedenktafel erinnert an das Geburtshaus mit dem schönen Namen „Zum goldenen Winkel“. Der Dichter des Entwicklungsromans „Der grüne Heinrich“ (1855/80) hat mit seinen Erzählungen „Die Leute von Seldwyla“ dem dörflichen Leben in der Schweiz ein dauerhaftes Denkmal gesetzt; in den Novellen „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ oder „Kleider machen Leute“ wiegt, wie Walter Benjamin einmal gesagt hat, „jede kleinste angeschaute Zelle Welt soviel wie der Rest aller Wirklichkeit“.



Joyce & Company

Hat man dieses erste literarische Pflichtprogramm in Zürich absolviert, geht es zur Kür über. Dafür empfiehlt sich eine Fahrt zum hoch gelegenen Friedhof Fluntern (Zürichbergstrasse 189, Haltestelle Zoo). Hier ist der irische Dichter und Spracherfinder James Joyce bestattet; sein Grab markiert eine ganzfigurige Bronzeplastik (Milton Hebald, 1966), die den Autor von „Ulysses“ und „Finnegans Wake“ mit Zigarette und Buch wie in einem Schnappschuss festhält. In Zürich hat Joyce entscheidende Jahre verbracht. Zwischen 1915 und 1920 schrieb er hier vor allem zwei Drittel seines Skandalromans über einen Tag, den 16. Juni 1904, im Leben des Anzeigenaquisiteurs Leopold Bloom (alias Odysseus); nachdem das Buch über den „Weltalltag der Epoche“ (Hermann Broch) nach vielen Ablehnungen und Empörungen endlich seinen Siegeszug angetreten hatte, feiern heute Joyceaner weltweit den Bloomsday am 16. Juni. Das literarische Herzzentrum der Joyce-Welt ist dabei seit 1985 die Zürcher James Joyce Foundation mit ihrem Leiter Fritz Senn in der Augustinergasse 9 über dem Museum Strauhof. Von Joyce bleibt in Zürich aber auch das traurig-schöne Gedicht über die „Bahnhofstrasse“ mit der doppeldeutigen Klage: „Ah star of evil! star of pain! Highhearted youth comes not again“. Auf der Flucht vor der deutschen Besetzung Frankreichs kam Joyce nach längerem Aufenthalt in Paris mit seiner Familie noch einmal nach Zürich, wo er 1941, noch keine 60 Jahre alt, im Schwesternheim zum Roten Kreuz (heute Neubau Careum Bildungszentrum, Gloriastrasse 16) gestorben ist. In unmittelbarer Nachbarschaft zu seinem Grab der österreichische Kosmopolit und Nobelpreisträger für Literatur Elias Canetti seine letzte Ruhestätte gefunden.



Thomas Mann

Einer Schenkung der Familie Mann aus dem Jahr 1956 verdankt die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) die Einrichtung des Thomas-Mann-Archivs als weltweit wichtigster Forschungsstätte zum Werk des deutschen Nobelpreisträgers von 1929. Das Archiv war, zusammen mit dem Arbeitszimmer des Dichters, lange neben dem Hauptgebäude der ETH im noblen Bodmer-Haus an der Schönberggasse 15 untergebracht, fristet derzeit ein etwas abgelegenes Dasein auf dem Campus der ETH in Höngg, Leopold-Ruzicka-Weg 4, soll aber zum Jahreswechsel 2020/21 im Hauptgebäude der ETH an der Rämistrasse 1 einen neuen Ort finden. Das Verhältnis Thomas Manns zur Schweiz allgemein („kleines Europa“) und speziell zu Zürich, das er erstmals 1905 mit seiner Frau Katia Pringsheim auf der Hochzeitsreise erreichte, war ein Leben lang sehr eng. Hier verbrachte er in einem schönen, wenn auch für ihn etwas zu hellhörigen Haus in Küsnacht an der Schiedhaldenstrasse 33 die ersten Exiljahre von 1933 bis 1938 und arbeitete dort, wie eine Tafel am Eingang meldet, am dritten seiner „Joseph“-Romane, „Joseph in Ägypten“ (1936); außerdem entstand hier der Goethe-Roman „Lotte in Weimar“ (1939).

Nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil 1952 und einer kurzen Bleibe in Erlenbach, Glärnischstrasse 12 (wo heute ein kurzer Thomas-Mann-Weg an den Dichter erinnert), fand Thomas Mann mit seiner Familie seine „letzte Adresse“ bis zum Tod 1955 gegenüber, am westlichen Seeufer, in Kilchberg an der Alten Landstrasse 39. Das Haus wird privat genutzt; in Kilchberg selbst findet sich jedoch im Conrad-Ferdinand-Meyer-Haus (Alte Landstrasse 170) neben den historischen Räumen des zweiten großen Schweizer Autors des 19. Jahrhunderts eine sehr inspirierte Ausstellung zur Familie Mann in Kilchberg. Ein kurzer Fußweg führt danach zum Dorffriedhof (Dorfstrasse 115), wo, nach dem prominenten Obelisken für Conrad Ferdinand Meyer, sich die Familie Mann um den Grabstein des Patriarchen schart, wenn auch mit zwei Ausnahmen: Sohn Klaus liegt in Cannes bestattet, und Sohn Golo hat es vorgezogen, in einiger Entfernung vom Familiengrab zu liegen. Kommt man schließlich ermattet in die Bahnhofstrasse zurück, mit Gottfried Benns Gedicht „Reisen“ im Ohr –

„Bahnhofstraßen und Rueen, Boulevards, Lidos, Laan – selbst auf den Fifth Avenuen fällt Sie die Leere an“,

kann man sich dennoch viele weitere Themen vornehmen und sich auf den Spuren genuin Schweizer Autoren wie Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch oder Robert Walser ergehen. Zürich ist eben eine höhere und eine tiefere Stadt und ihre „Wunder und Weihen“ erschließen sich erst nach und nach.



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Dirk Heißerer
Fotos: © Dr. Dirk Heißerer, Adobe Stock u.a.
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